Teil eines Werkes 
10 (1843)
Entstehung
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Heldenbild, exempli gratia die brennenden Märtyrer in der Warte zu Dören. Doch die ernſte, deutſche Schule des Albrecht Dürer liegt hinter uns, und Sinnlichkeit und Blut regieren jetzt die Pinſel und reiben die Farben. Ein bärtiger Apoſtelkopf langweilt die jungen, bartloſen Meiſter; runde Arme, volle Waden und ſchweizeriſche Buſenfülle zaubern ſie aus befleckten Sinnenbildern auf die Leinwand hin, und ihre Phantaſie verſündigt ſich an Gott und der Kunſt dadurch; denn die ächte und fromme Kunſt ſoll den Herrn preiſen und dem Menſchen nützen, indem ſie ſeine Seele zu dem Herrn erhebt. Thut ſie das nicht, ſo iſt ſie das nicht, ſo iſt ſie eine Dienerin des Satanas und ſein Advokat auf Erden.

Es war der Kamerarius Meier, Erichs Vater, der ſolche geharniſchte Rede erklingen ließ. Unbemerkt war er eingetreten, und der lange, hagere Mann mit dem ſtrengen, faltenvollen Geſichte, und dem ſilbergrauen, ſchlichtgeſcheitelten, ehrwürdigen Haar hemmte durch ſein Erſcheinen plötzlich das lebhafte Kunſtgeſpräch, als wäre er der wahre und gefürchtete Richter in Apollo, der jeden Marſyas und Midas zittern zu machen ver⸗ ſtände.

Ihr habt das Bild gewißlich belobt, Herr Salge? Ich meine Euren Geſchmack zu kennen; ſetzte der Alte ſpitz hinzu, mit ſeinen ſcharfen Augen den Bauherrn faſ⸗ ſend. Ich meine, entgegnete dieſer ſchnell und in ge⸗ ſchmeidig grüßender Stellung, daß der Vater ſich preiſen darf, dem ein ſolcher Sohn geboren, zur Ehre und zum gerechten Stolze der Familie und ſeiner Stadt. Wenn unſere Aſche längſt der Winde Raub, wenn unſere All⸗ tagsarbeit längſt vergeſſen, wird Euer Sohn durch ſeine unſterblichen Bilder der Verweſung und Vergeßlichkeit