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Das nie erlebte Schauſpiel ließ Jedermann vergeſſen, was ſo eben die Seelen beſchäftigt hatte. Die Kinder jubelten über die Geſchenke der Bäuerinnen, unter denen einige ſchneeweiße Lämmer und bunte Tauben ſie beſon⸗ ders anlockten, und Graf Thielo und ſeine Lisberta drückten ſich heimlich die Hände bei dem Anblicke der rüſtigen Vaſallen und Eigener, und gelobten ſich flüſternd, möglichſt für das Glück dieſer Menſchen zu wirken, welche Gottes Gnade in ihre Hände und mehr noch auf ihr Herz gelegt.
Schon hatte die Sonne den höchſten Punkt ihres Taglaufs überſchritten, und ſchwere Gewitterwolken, die ſich aus Weſten heraufwälzten, öffneten die tiefen Falten ihrer Trauerſchleier, die Spenderin des Lichts und der Freude zu umſchleiern. Kühlender Wirbelwind flog den ſteigenden Wolken voran, und rauſchte in den alten Lin⸗ denbäumen des Schloßhofes. Die Höfner und Dienſt⸗ leute waren gaſtlich bewirthet worden in den untern Schloßſälen; trunken von den heißen ungewohnten Schätzen des wohlverſehenen Schloßkellers, trunkener von der ungewohnten Herablaſſung, mit welcher die Herrſchaft ſich unter ſie gemiſcht, und von ihrem Hausſtande und ſeiner Verbeſſerung, von den höchſten Intereſſen des Landmannes mit ihnen geredet, jubelten ſie laut über das Glück, das ihnen Gott beſcheret, ſo daß die Wände wiederhallten und die Trinkgläſer brachen in den rohen Händen. Der weibliche Theil der gräflichen Familie. hatte ſich darum längſt dem ausgelaſſenen Kreiſe ſittig entzogen, und Graf Thielo winkte jetzt ebenfalls dem alten Kaſtellan, der durch ſein ſtarres Weſen bislang


