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trügeriſches Morgenroth werden, dem die alten Regen⸗ tage folgen. So ſprach ich zu meiner Ehefrau, und ſie meinte daſſelbe. Da ſprang der kleine Bote rührig von ſeinem Seſſel, ließ den Milchnapf, der ihm vorgeſetzt, und von dem er mit Luſt gegeſſen, und trat dicht vor mich hin. Schreibt nur, Graf Thielo, ſprach er mit ſeiner feinen Stimme, mein Rößlein trägt mich ſchnell zurück, denn es heißt die Schwalbe und ſchießt ſo leicht durch das Feld, wie ſeine Namensverwandte durch die blaue Luft. An mir ſoll's nicht liegen, wenn Euer Vetter den Vorlauf gewinnt, und wer Gott vertraut, hat allewege gut gebaut.— Die Keckheit des Boten er⸗ muthigte auch mich, ich ſchrieb zur Nacht noch an den Biſchof, und vor Tage flog mein zarter Bote auf ſeinem Rößlein davon. Wochen vergingen, meine Wunden heil⸗ ten, Monden ſchlichen hinab, und jedes nahm meine Hoffnung mit und riß die alten Wunden der Sorge wie⸗ der auf; da kam ein Schreiben an den Grafen von Oldenburg, darin lag ein Aufruf des gerechten Hildes⸗ heimer Biſchofs an mich, zu erſcheinen in ſeiner geweihe⸗ ten Stadt, meine Belehnung zu empfangen und meine Beſitzthümer zu übernehmen. Die Ueberraſchung, die Freude überwog die, welche der erſte Bote gebracht; der edle Oldenburger theilte ſie, gab mir ſelbſt den Bedarf zur Reiſe, entließ mich meines Dienſtes, und nach weni⸗ gen Wochen zog ich ein in die Biſchofsſtadt. Aber das Erſtaunliche kam nach. Mein zwergiger Bote hatte rich⸗ tig und treu ſein Wort gelöſet, aber ſeltſamliche Dinge brachten meine Erkundigungen an das Licht. Der mir feſt im Gedächtniß gebliebene Tag, als das Männlein ſein Pferdchen an meine Pforte band, war der Begräb⸗ nißtag des Grafen Hermannn und ſeiner Ehegattin, die


