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Die Kinder ſind ohne Aufſicht, rief die Mutter be⸗ ſorgt; ſie könnten ſich verlaufen. Wolf und Eber hauſen in den Gebirgen. Laß mich hinabſenden.—
Nicht doch! entgegnete der Graf. Kinder müſſen aufwachſen wie Wild und Blume. So nur werden ſie eigene Geſchöpfe und keine Copei oder affenartige Nach⸗ bildung. Späterhin kommt früh genug für ſie die Zeit der Schranke und Kette. Ueber ſie wachen muß das Elternauge, daß ſie nicht ſtraucheln, nicht verkrüppeln an Geiſt und Leibe; das Uebrige bleibe der Natur und der weiſen Vorſehung. Und ſiehſt Du nicht unſere Katharine dort ſitzen auf der Steinbank im Hollunderbuſch, von welchem Träume auf ſie herab zu ſäuſeln ſcheinen, wie der Buſch ſie dem Schlafenden zu ſchicken pflegt? Auch ſie iſt nur von der Natur erzogen, und hat der Erzieherin keine Unehre gemacht. Sie wird ſchon ihr Auge auf die wilden Kleinen richten, wenn ſie mit der neuen Kameradſchaft, mit des Kaſtellans Enkeln und des Thurmwarts Kindern, den luſtigen Bund zu derb beſiegeln ſollten. Uebrigens habe ich ſchon früh den Schloßgarten durchgangen, er iſt von Mauern umfaßt, der Burggraben hat kein Waſſer⸗ und Deine Sorge iſt darum ohne Grund.—
Die Mutter faltete ihre Hände, und beruhigt ſetzte ſie ſich auf die Bank des Altans, und ſchauete mit den ſeligſten Gefühlen hinab auf ihre köſtlichſten Schätze,
deren Glanz nicht matter geworden, ſeit das irdiſche
Gut die zweite Wagſchale gefüllt. Der Graf aber, von einem Geräuſch im Burgzimmer angelockt, trat vom Altane hinunter, und fand den alten Kaſtellan eingetre⸗ ten, der mit ehrerbietiger Stellung an der geſchnitzten Flügelpforte ſeiner zu harren ſchien.
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