Druckschrift 
Die Frauen und ihr Beruf : ein Buch der weiblichen Erziehung / in zusammenhängenden Aufsätzen niedergeschrieben von Frauenhand
Einzelbild herunterladen

114

antwortet man meiſt mit einem Gähnen und Achſelzucken. Sicherlich würde es unendlich Viel dazu beitragen, daß wieder paſſendere und glücklichere Ehen geſchloſſen würden, wenn man einen leichteren und ungezwungneren Verkehr der jungen Leute beiderlei Geſchlechts im häuslichen Kreiſe beförderte. Auf Bällen und in Geſellſchaften, wo man einander nur im Feſttagskleide begegnet, da lernt man ſich nicht kennen. In ihrem eignen Hauſe, in ihren eignen Familienverhältniſſen ſollte der junge Mann die Frauenwelt recht oft ſehen, um ſich ein richtiges Urtheil über ſie zu bilden, und ebenſo ſollte er ſeinerſeits beweiſen müſſen, daß er mehr iſt als ein ge wandter Tänzer und eine beſſere Unterhaltung zu führen und zu ſchätzen weiß, als ſie auf Bällen und in großen Geſell⸗ ſchaften in der Regel an der Tagesordnung iſt.

Wir wiederholen es, mit den Geſellſchafsmenſchen iſt auf der Welt nichts Vernünftiges mehr anzufangen. Aber ſeht doch dagegen jenes wirthliche Haus an, wo man zu jeder Stunde eintreten und immer ſicher ſein kann, eine freundliche Bewillkommnung, ein verſtändiges Geſpräch, eine gern gebotene Erfriſchung zu finden. In dieſer Hinſicht dürfen wir wohl die gute alte Zeit beklagen, in der man einer ſolchen Geſelligkeit

gewiß viel häufiger begegnete, wo die größere Einfachheit eine Gaſtfreundſchaft ohne Oſtentation möglich machte, und man auch mit beſcheidenen Mitteln dieſem menſchlichſten aller Triebe Genüge leiſten konnte. Aber, ſehen wir ab von den großen Salons, welche in reichen Häuſern ſich an beſtimmten Abenden den Beſuchern öffnen, wie viele Familien gibt es denn noch, wo auch uneingeladen der Beſucher freundlich empfangen wird