Aber mehr noch als auf den heranwachſenden Sohn durch ihren geiſtigen Einfluß, wirkt ſie auf die Tochter durch ihr ganzes Beiſpiel. Wird dieſe hochmüthig auf die häuslichen Pflichten herabſehen dürfen, die ihre feine, gebildete Mutter ſo ſorgſam und treu verrichtet? Wird jede Regung der Eitel⸗ keit, der Putzſucht, der Koketterie nicht die Augen nieder⸗
ſchlagen müſſen vor der ſtrengen Einfachheit der geliebten
Mutter? Kein Uebel iſt für ein heranwachſendes Mädchen mehr zu fürchten als das einer ſchwachen und eitlen Mutter, die es nicht erwarten kann, bis ſie das Töchterchen möglichſt
ſchön aufgeputzt unter die Männerwelt hinausführen kann.
Die Frau, welche ihrer eignen Würde nicht bewußt iſt, kann ſie auch in der Tochter nicht pflegen, und die lächelnde Ver⸗ achtung, mit der ſo viele Männer das weibliche Geſchlecht betrachten, wird durch dieſen Mangel nur zu ſehr gerecht⸗ fertigt.
Aber ſelbſt jene Frau, die an ſich leichtfertig und kokett iſt, müßte ſchon das Muttergefühl mit ſtarker Hand von dem Abgrund zurückreißen, neben dem ſie einhertanzt. So Manche glauben, es ſei Zeit, ſich zuſammen zu nehmen, ſobald ihre Töchter erwachſen ſind. O nein, dann iſt es ſchon viel zu ſpät. Das Kind iſt wie eine Pflanze, es entwickelt ſich der Atmoſphäre gemäß, in der es athmet. Keine ſpätere Strenge kann wieder gut machen, was der frühe, wenn auch unver⸗ ſtandene Anblick von niedrigen und oberflächlichen Dingen in ihm verdorben hat. Für das Mädchen insbeſondere gibt es faſt kein wichtigeres Erziehungsmittel als das Beiſpiel. Seine leicht erregbare Natur nimmt die guten wie die ſchlechten Ein⸗
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