Teil eines Werkes 
1. Theil (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

W

M W

W

türlichen, edlen Geſchmack, und fand leicht inſtinktartig heraus, was die flache Mittelmäßigkeit überragte. So ſtrich ſie auch heute an den unbedeutenden Madonnen, an den ſchlechtgruppirten Nymphen vorüber und hielt ſich nur einen Moment bei dem Bonifacius auf, um ihre ganze Aufmerkſamkeit einem Gemälde zuzuwenden, das die Auferweckung von Jairus' Töchterlein darſtellte.

Das waren nicht jene wunderthätigen und wunder⸗ gläubigen Geſtalten, unter denen allein, nach herkömm⸗ lichem Gebrauche, bibliſche Perſonen dargeſtellt zu wer⸗ den pflegen, und die Auffaſſung zeigte auch in der Staf⸗ fage nicht die gewiſſenhafte Treue, mit welcher gewöhnlich dem Wortlaute der Evangelien Rechnung getragen wird. Nichts blieb, als ein Blick in die in einem ihrer ſchön⸗ ſten Momente belauſchte Natur Paläſtinas und in das Leben ihres bevorzugteſten Kindes. Selbſt das geöffnete Grab, von ſüdlichen Gewächſen umrankt, verlor den Character der Unwiderruflichkeit, und ward zur blüten⸗ duftenden Grotte.

Vor demſelben, auf der zur Erde geſtellten Bahre, ruhte das Töchterlein des Jairus. Chriſtus kniete neben ihr, mit ſeinen Händen diel ihrigen umſchließend. Was in dieſem Antlitz lebte, was aus dieſem Blicke ſprach, war nicht der Ausdruck einer Allmacht, die den Geſetzen der Natur zu trotzen vermag, das war nicht der Herr

————