Druckschrift 
Die Töchter des Präsidenten : Erzählung einer Gouvernante / von Friederike Bremer. Aus dem Schwed. übers. von G. Fink
Entstehung
Einzelbild herunterladen

270

heit Organe für ihre mannigfaltigen Kräfte, reiche Mittel

zum Genuß und gegen Widerwärtigkeiten gegeben. Aber den rechten Maßſtab zur Würdigung der Fortſchritte des Menſchengeſchlechtes dürften wir durch einen Blick in das Familienleben der Vorzeit und eine Vergleichung deſſelben mit dem jetzigen erhalten. Durch die Kenntniß des Fami⸗ lienlebens dieſer Wurzel des Lebens in bürgerlicher

Geſellſchaft würden wir erſt einſehen lernen, wie viel

das menſchliche Leben an Glück und Veredlung gewonnen hat. Ich glaube, meine Adelaide, Du würdeſt bei näherer Betrachtung das Jetzt nicht mit dem Ehmals, und Dein Haus nicht mit einer Hütte im Hain Mamre vertauſchen wollen, obgleich derſelbe von Palmen beſchattet war, und

ebenſowenig mit einer Ritterburg, wenn Du auch dort das Feldzeichen für Deinen auf Raubzüge ausgehenden Viking

nähen dürfteſt, und obgleich Du in den Zeiten der Pa⸗ triarchen wie der Ritter nicht leſen zu lernen brauchteſt und zu Deinem Gemahl Herr ſagen dürfteſt.

Mein Herr und Gemahl, ſagte Adelaide, indem ſie ſich mit liebreizender Demuth vor Alarich verneigte,

damals, wie jetzt, hätte ich es für ein Gluͤck und für

eine Ehre angeſehen. Aber ſage mir, beſter Alarich, wie kommt es, daß unſere Zeit im Allgemeinen nicht glück licher iſt? Gibt es nicht auch jetzt noch eine Menge unglückliche und getrennte Familien?

Allerdings, antwortete Graf Alarich,aber daran ſind die Mitglieder ſelbſt ſchuld; das Leben bietet alle Ele⸗

mente zum Glück und zur Veredlung; der Menſch braucht

bloß ſeine Hand auszuſtrecken, um ſie zu ergreifen. Es iſt wahr, manches Böſe und viel Elend klebt unſerer Zeit an, allein ſie iſt einmal eine Zeit des Kampfes und der Ent⸗ wicklung, ein großer Uebergangsmoment und der Sieges⸗ ruf übertönt bereits den Wehruf. Wir wollen in den Win⸗ terabenden die Geſchichte zuſammen leſen und Du wirſt darin eine herrliche Erſcheinung ſehen die Entwicklung Gottes in der Menſchheit. Du wirſt ſehen, wie er ſich unſerem Geſchlechte in immerklareren Strahlen, in immer

höherer Innigkeit gibt, je nachdem daſſelbe ihn zu faſſen