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Ein Tagebuch : vier Theile / von Friederike Bremer
Entstehung
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„Aber die Geſtalten, die ich annahm, waren ohne Seele. Und wie der reine Strahl der Sonne die Irrlichter der Nacht verſcheucht, ſo drang Lennartſon's Blick in jene Scheingeſtalten und deckte ihre Nichtigkeit auf. Dieſer Charakter ward meiner Eigenliebe zu mäch⸗ tig, er überwältigte und zerſchmetterte ſie, und gefährdete die Ruhe meiner Seele. Und nie hatte ich ſeine Macht und mein Elend tiefer gefühlt, als in dem Augenblicke, wo ich erkannte, daß er mich durchſchaute und— mich verachtete. Verachtet zu ſeyn von dem Manne, den man liebt und zu fühlen, daß man es mit Recht wird— es iſt eine unausſprechliche Pein!“

Plötzlich ſprang Flora auf, und öffnete haſtig das Fenſter nach dem Strome zu, ſtrich die Locken zurück und ſchien begierig die kühle, friſche Nachtluft zu ath⸗ men. Und der Anblick, der vor ihren Blicken ausgebreitet lag, war wohl geeignet, ihr aufgeregtes Gemüth zu be⸗ ruhigen und zu erheben. Klar und ſtille lag die Mai⸗ nacht über der Stadt. In ſtiller Majeſtät erhob ſich das dunkle Schloßgebäude mit ſeinen funkelnden Lichtern in den dunkelblauen Himmel; unten vor ihm lag im dun⸗ keln Schatten der heilige Geiſtholm mit ſeinen eigenthüm⸗ lichen, blutigen Erinerungen, und ſilbern glänzte das Waſſer des Mälar mit ſeinem Ufer und breikete fernhin ſeinen ruhigen Spiegel aus, über dem leichte Nebel gau⸗ kelten. Schläfrig hingen die Wimpel an den Maſten der im Hafen liegenden Fahrzeuge herab. Alles ſchien zu ruhen und der Friede der Nacht erinnerte an die Ver⸗ gänglichkeit der Kämpfe des Tages.

Ruhiger fuhr Flora nach einer Weile fort:

„Ich erinnere mich an Etwas, wie wenn es eben heute geſchehen wäre. Aus alter Gewohnheit, vielleicht auch in dem Wunſche, in Lennartſon einige Eiferſucht zu wecken, hatte ich mit einem Manne kokettirt, der Neigung zu mir fühlte, der mir aber ganz gleichgültig war. Ich verleitete ihn zu Thorheiten und machte ihn hinterher in Lennartſon's Gegenwart lächerlich. Da verließ Lennartſon

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