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Ein Tagebuch : vier Theile / von Friederike Bremer
Entstehung
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253 ner Eigenliebe. Seine Grundſätze halfen das wenige Gute vollends zerſtören, das ich noch hatte. Er impo⸗ nirte mir durch eine gewiſſe Kraft im Denken und Wol⸗ len und hatte eine Zeit lang eine wunderbare Gewalt über mich. Aber ſie war dämoniſcher Natur: ſie hatte keine feſte Wurzel in meinem Herzen geſchlagen. Als ich mich von ihm vergeſſen ſah, halfen mir Stolz und Klug⸗ heit ihn ebenfalls vergeſſen. Neue Eindrücke vollendeten dies. Selma, mit der ich um dieſe Zeit in nähere Be⸗ rührung kam, übte einen belebenden und wohlthätigen Ein⸗ fluß auf mich. Ich ſchloß mich an ſie an, ſo weit mein egviſtiſches Herz es zugab und manche beſſere Gefühle wurden durch ihre warme Freundſchaft, ihre ſchöne und reine Seele in mir geweckt.

„Mein Vater ſtarb und hatte in ſeinem Teſtamente Lennartſon zu meinem Vormunde ernannt, vielleicht mit dem Gedanken, daß er mir bald noch mehr werden ſolle. Es war dies einer meiner Eitelkeit und Ehrſucht auf jede Weiſe ſchmeichelnde Parthie, und es hätte der Winke meiner Mutter nicht bedurft, mich zu vermögen, ſeine Eroberung zu machen. Ich hielt dieſe für leicht; aber ich hatte mich betrogen; und während ich Lennartſon näher zu kommen ſuchte, ſah ich in ſeiner Seele, in ſei⸗ nem Streben und Wirken eine Größe, vor der Alles, was ich früher geliebt und erſtrebt hatte, ärmlich und zwerghaft erſchien. Dabei war er ſo liebenswürdig, ſo gütig, ſelbſt wenn er mich tadelte, daß bald mein Herz mit in's Spiel gezogen wurde und er der Zweck meines Lebens ward. Ich bemerkte nur zu gut, daß ich Eindruck auf ihn gemacht hatte. Und obgleich er mir gegen⸗ über ſeine ganze Selbſtſtändigkeit bewahrte und es nicht zuzugeben ſchien, daß er von mir bezaubert ſey, ſo zwei⸗ felte ich doch nicht, daß es mir unter einer der verſchie⸗ denen Geſtalten, die anzunehmen ich gleich einem Cha⸗ mäleon gewöhnt war, um verſchiedenartigen Gemüthern und Naturen zu gefallen, gelingen werde, meine Erobe⸗ rung vollſtändig zu machen.