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Ein Tagebuch : vier Theile / von Friederike Bremer
Entstehung
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Situationen in einer Mannichfaltigkeit und Tiefe dar, wie man ſie bisher kaum ahnte; ſie dringt in alle Winkel des Daſeyns und ſaßt die Momente aller Leiden und Mißtöne auf. Und wenn ſie auch nur ein„Hinabſteigen zur Hölle“ iſt, muß nicht doch ein„Aufſteigen zum Him⸗ mel“ nahe ſeyn; oder ſollte die höchſte Aufgabe dieſer Literatur blos darin beſtehen, zu Rouſſeau zurückzukehren?“

„Ja,“ entgegnete Lennartſon, über meinen Eifer lächelnd;„aber nur, was den Blick auf das Ganze, den Sinn für das Allgemeine betrifft. Wie Sie, ſehe ich in dieſer Literatur eine neue Entwicklung, und es iſt nicht das Erſtemal, daß das Volk, das ſie erzeugte, der Welt neue Bahnen brach. Aber ſie iſt noch fragmentariſch— ſie enthält erſt die Studien zu einer großen Kompoſition, und es wird ſchon ein Meiſter kommen, der dieſe chao⸗ tiſchen Elemente zu einer harmoniſchen Welt vereint. Doch muß vielleicht das Modell dazu erſt in der wirklichen Welt entſtehen.“—„Wie meinen Sie das?“ fragte ich ge⸗ ſpannt.—„Erlauben Sie mir,“ fuhr Lennartſon fort, „Sie auf einen Hauptzug in der beſſern belletriſtiſchen Literatur unſrer Zeit aufmerkſam zu machen,— nämlich auf die Richtung derſelben, das Weib als den Punkt im Leben darzuſtellen, von dem belebende und erweckende Kräfte ausgehen. Ich geſtehe, daß ich derſelben Meinung bin, und in unfrer Zeit viel vvm— Weibe erwarte.“

Es war natürlich, daß das weibliche Auditorium, vor dem der Freiherr dieſe Worte ſprach, mit Hochachtung und Dankbarkeit zu ihm aufblickte. Wehmüthige Frende glänzte in Selma's ſchönen Augen, während in Flora's feurigem Blicke Etwas aufflackerte, das ich— groß nennen möchte. Meine Stiefmutter ſtellte den Antrag, in den Salon zu gehen und zu muſiciren. Wir folgten. Flora rief Lennartſon an's Fortepiano und ſpielte und ſang entzückend für ihn. Zwiſchen hinein redeten ſie leiſe.

Ich hielt mich zu Hellfride Ritterſwärd und dem Lientenant Sparrſtöld, deſſen redliches Geſicht und offene Art, ſich zu geben, mir gut gefiel. Uns ſchloß ſich noch