Das Wort iſt hart, aber ich glaube, es iſt wahr. Doch bei der Lebhaftigkeit des Temperaments, das Selma beſitzt, und im täglichen Umgange mit Flora iſt es auch nicht
leicht, hierin den rechten Takt und die rechte Harmonie zu
beobachten. Auch läßt die Freude, die meine Stiefmutter an Allem hat, was das Leben erheitert und würzt, ſo wie ihre Liebe zu den jungen Mädchen, ſie oft nicht bemerfen, daß dieſe Kayennepfeffer ſtatt harmloſer Würze ausſtreuen
Zwiſchen mir und meiner Stiefmutter herrſcht viele „Courtviſie, aber wenig Vertraulichkeit. Ich glaube, wir fürchten uns gegenſeitig etwas vor einander. Ge⸗ wöhnlich haben wir täglich eine Stunde„téte à téte,“ wo wir die Angelegenheiten des Staats beſprechen und „reflexions chrétiennes et morales'? über den Gang der Zeiten und Dinge machen. Hierbei, ſo wie aus der Artigfeit, womit unſere Geſpräche geführt werden, bemerfe ich, daß wir uns heimlich bemühen, einander aufzuflären und zu befehren, ſo wie mit unſern tieffin⸗ nigen Worten einander zu frappiren. Und ſo kommt es wohl, daß während wir die Staatsmaſchine zuſammen⸗ ſetzen, unſer eigenes Verhältniß ſich etwas lockert. Denn obgleich wir beide glauben, das„juste milieu“ der himmliſchen Gerechtigkeit zu handhaben, ſo neigt ſich meine Stiefmutter doch bedeutend gegen die ariſtokrati⸗ ſche Seite des Staats, während ich mehr der demokra⸗ tiſchen gewogen bin. Meine Stiefmutter, die in ihrer frühern Stellung als Gattin eines Landeshauptmanns einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Angelegenheiten der Landes⸗Hauptmannſchaft ausübte, glaubt Kenntniſſe, Erfahrung und Geſchicklichkeit einer Regentin zu beſitzen: ich dagegen meine, von meinem philoſophiſchen Stand⸗ punkte aus, Alles etwas beſſer zu ſehen und zu verſtehen, und dies zuſammen bringt bisweilen eine kleine Span⸗ nung zwiſchen uns hervor, die jedoch nicht heftig wird; weil, wenn meine Stiefmutter ihre Stimme mit einem: „Glaube mir, liebe Freundin,“ erhebt, ich ſelber ſchweige und mich damit begnüge, eine ungläubige Miene zu machen,
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