Karten zu erkennen; ich habe oft mich und Andre damit amüſirt, und ſo machte ich es auch jetzt.
Als der Abend zu Ende war, die Geſellſchaft ſich ent⸗ fernt hatte und Flora und ich durch den kleinen Corridor nach unſern Schlafzimmern gingen, blieb ſie plötzlich ſtehen und fragte mich mit plötzlicher Haſt:
„Du glaubſt gewiß, daß ich in St. Orme verliebt bin?“
„Hm,“ entgegnete ich,„ich meine allerdings, daß es ziem⸗ lich ſo ausſieht.“(Denn Flora hatte dieſen Abend wirklich mit St. Orme kokettirt.)
„Und weißt Du nicht, weiſe Sibylle, daß der Schein oft trügt? Und ſo iſt es auch hier. Man muß oft ſchei⸗ nen, was man nicht iſt, um zu gewinnen, was man
wünſcht. Liſt und Schlauheit ſind dem Weibe gegeben,
um die zu beherrſchen, die ihm gebieten wollen. Sie ſind ſeine rechtmäßigen Waffen.“
„Das ſagt man häufig, aber ich habe es nicht ſo ge⸗ funden. Ich habe gefunden, daß die Macht der Wahrheit und Aufrichtigkeit— falls ſie mit Klugheit und Liebe ange⸗ wandt wird— die einzige wahre Gewalt bei Männern wie bei Weibern iſt.“—„Wahrheit und Aufrichtigkeit,“ ſagte Flora ſpöttiſch;„zeige mir, wo ſie zu finden ſind. Wir insgeſammt heucheln alle Tage im Leben gegen einander, wenn wir uns auch noch ſo unſchuldig ſtellen. Wie iſt es z. B. mit uns beiden? Haben wir nicht ſeit mehreren Tagen die artigen Couſinen mit einander geſpielt, und doch glaube ich, daß wir im Grunde wenig von einander hal⸗ ten? Oder wie denkſt Du?“
„Ich denke wie Du,“ ſagte ich, aufgemuntert durch dieſe Aufrichtigkeit.—„Nun,“ fuhr Flora fort,„wäre es da nicht gut, wenn wir offene Parthie ergriffen und— offen einander haßten?“—„Warum nicht?“ entgegnete ich wie vorher.„Das wird vielleicht ein ganz neuer Weg zur Liebe.“
„Mir gefällt das Neue,“ ſagte Flora ebenfalls lachend. „Alſo von dieſem Tage an ſind wir offne Feinde und näh⸗ ren gegenſeitig unſern kleinen Haß!“„Wollen Sie ſo, Fräulein Philoſophie?“
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