Den 3. Nov. Ich vrientire mich in der Familie, wenigſtens was den äußern Menſchen angeht; denn um die Geiſter ge⸗
hörig zu erkennen und aus der Erſcheinung das wirkliche
Weſen zu ergründen, dazu gehört längere Zeit. Meine geheime Frage, die ich dann an Jeden richte, iſt:„was willſt du, was ſuchſt du im Leben?“ Nach dieſer Regel botaniſire ich in den Menſchenſeelen und claſſifizire ſie.
„Du mußt Flora's Zeichnungen ſehen. Du mußt Flora ſingen hören. Du mußt Flora Komödie ſpielen ſehen und hören. Flora muß Dir ihre poetiſchen und proſaiſchen Schilderungen und Porträts zeigen. Sie ſind ſo witzig, ſo unterhaltend!“ So habe ich in den letzten Tagen Selma oft ſagen hören und ſie ruhte nicht eher, bis ich Alles geſehen und bewundert hatte. Und wirklich ſind Flora's Kunſtanlagen nach mehreren Richtungen hin ausgezeichnet; aber größer noch, fürchte ich, iſt ihre Eigenliebe, oder was ſonſt bezeugen Ausdrücke, wie: „Ich bin nicht wie gewöhnliche Menſchen; wäre ich, wie Andere und ſo weiter, aber ich bin recht eigen und be⸗ ſonder; ich kann mich zu dem Standpunkte dieſer All⸗ tagsmenſchen nicht herablaſſen⸗ und ſo weiter?
Wie bei Flora die Hauptperſon ihr liebes Ich zu ſeyn ſcheint, ſo bei Selma ein Du. Doch will ich Flora nicht zu vorſchnell beurtheilen.
Selma verſchaffte mir geſtern einen recht angeneh⸗ men Vormittag, indem ſie mich mit mehreren Meiſter⸗ ſtücken in ihrer ſchönen Gemäldeſammlung bekannt machte. Sie iſt ein Geſchenk ihres Vaters, der die Gemälde wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts in Italien ſelbſt ſammelte. An der genauen Kenntniß des Geiſtes der verſchiednen Schu⸗ len, an dem reinen und ſtrengen Schönheitsſinne, der aus allen Gemälden ſpricht, erkannte man Ehrenſwärd's Schüler wieder. Dabei kam auch die Rede auf Selma's eignen Aufenthalt in Rom, als ſie nach Virginia's Tode ihre Aeltern dahin begleitete, die in dieſer Reiſe Zer⸗ ſtreuung für die eigene Trauer und Gelegenheit zur höhern
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