die Sonnenſeite des Lebens gewöhnt, und wollte blos dieſe ſehen: ich dagegen war mehr an die Nachtſeite ge⸗ wöhnt, und ſo wurde die Kluft, die uns trennte, immer weiter.— Eine Art Vereinigungsmittel zwiſchen uns in
dieſer Zeit war die kleine Selma, ein ſchwächliches, aber intereſſantes Kind, das ſich, ich weiß nicht durch welche
unbegreifliche Sympathie, zu mir gezogen fühlte. Ob⸗ gleich die Verehrung, die ihr im Hauſe gewidmet wurde, nicht zu Thorild's Gerechtigkeitsthevrie ſtimmte, ſo fühlte ich mich doch auch meinerſeits zu ihr hingezogen. Sie war der Liebling ihres Vaters und ſeine hauptſächlichſte Beſchäftigung. Er war ein Freund und Schüler des großen Ehrenſwärd, eines Mannes mit ſtrengem und rei⸗ nem Schönheitsſinne; er wollte aus ſeiner Tochter ein Weſen bilden, ſo harmoniſch und ſchön, wie das Ideal, das er im Buſen trug, und nicht eine der eilftauſend Hel⸗ dinnen des modernen Schauſpiels, ſondern die durch ihren allgemein menſchlichen Edelmuth als Weib ſo ſchöne, antike Antigone war das Vorbild, auf das er frühe ſei⸗ ner Tochter Herz und Sinn richtete. So ſchuf er eine neue Antigone und genoß in ihr ein Leben, das eine ſehr ſchwache Geſundheit ihm ziemlich freudelos machte. Meine Stief⸗ mutter war um dieſe Zeit von ihrer Tochter Virginia ſehr eingenommen, die durch ihre Schönheit und ihren Charakter dem Stolze einer Mutter wohl ſchmeicheln fonnte. Bewunderung für dieſe und Zärtlichkeit gegen Selma führte uns zuweilen zur Uebereinſtimmung. Abermals wurden wir getrennt, und jetzt, da wir nach zehn Jahren wieder zuſammentreffen, bin ich nicht ohne Unruhe wegen der neuen Epoche, die wir mit ein⸗ ander zuſammenleben werden. Wird ſie zur Vereinigung oder einer noch tiefern Trennung führen? Eines von Beiden, das iſt gewiß; denn meine Stiefmutter wird während eines Decenniums ebenſo wenig ſtehen geblieben ſeyn, als ich. Kummer haben wir Beide erlebt: meine Stiefmutter hat ihren Mann und ihre geliebte, ältere
Tochter verloren, und ich, ich habe— Gleichviel, das
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