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Streit und Friede oder Scenen aus Norwegen : Erzählung / von Friederike Bremer. Aus dem Schwed. übers. von G. Fink
Entstehung
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Jetzt kommen Sie! Kommen Sie, mein väterli⸗ cher Freund, und ſehen Sie Ihre Wünſche, Ihre Pro⸗ phezeihungen erfüllt; kommen Sie und ſehen Sie Glück und unausſprechliche Dankbarkeit in dieſer Bruſt leben, die ſo lange ſelbſt der Hoffnung verſchloſſen war. Kom⸗ men Sie und empfangen Sie meine Reue über meine Kleinmüthigkeit, über mein Murren, kommen Sie und helfen Sie mir danken. Es verlangt mich, Ihnen münd⸗ lich zu ſagen, wie viel ſich in mir verändert hat, wie tauſend Keime des Lebens und der Freude, die ich todt geglaubt, jetzt in meiner verjüngten Seele aufſproſſen. Ich wundre mich täglich über die Gefühle, die Eindrücke, denen ich mich hingebe, ich erkenne mich kaum ſelbſt noch. O, mein Freund, wie recht hatten Sie zu ſagen:Es iſt nie zu ſpät.

Ach, daß alle niedergevrückten, gebeugten Seelen mich hören könnten! Ich wollte ihnen zurufen:Erhebet eure Häupter, glaubet noch an die Zukunft und glaubet nie, daß es zu ſpät ſei. Sehet, auch ich war von lan⸗ gem Leiden niedergebengt; die Tage des Alters hatten mich erreicht und ich glaubte, all meine Kraft ſei dahin, mein Leben, mein Leiden vergebens; und ſiehe da, mein Haupt ward aufgerichtet, mein Herz verſöhnt, meine Seele geſtärkt und jetzt in meinem fünfzigſten Jahre gehe ich einer neuen Zukunft entgegen, begleitet von Allem, was das Leben Schones und Liebenswürdiges hat!

Die Verwandlung in meiner Seele hat mich das Leben und das Leiden beſſer begreifen gelehrt und ich bin jetzt überzengt, man leidet nie vergebens und feine tugendhafte Bemühung bleibt unbelohnt. Mögen auch die Wintertage und Nächte das ausgeſtreute Korn unter ihre Schneenebel begraben; wenn der Früh⸗ ling kommt, wird man doch einſehen, daß viel Brod in der Winternacht wächst. Für meine Perſon hat es der Porſehung gefallen, den Schleier noch auf Erden zu lüften; manchen Andern wurde er erſt gelüftet, wenn ſeine Augen ſich geſchloſſen hatten; Alle aber werden