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Streit und Friede oder Scenen aus Norwegen : Erzählung / von Friederike Bremer. Aus dem Schwed. übers. von G. Fink
Entstehung
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Harald und Suſanna vereinigten ſich, Madame Aſtrid zu verſichern, daß ſie unmöglich zu lange ſprechen könne.

Nun, nun, ſagte ſie freundlich,wenn Ihr mitunter die Predigten der Alten anhören wollt, ſo wird ſie ſich dagegen oft bei Euch wieder verjüngen und mit euch und von euch lernen. Ich bin jetzt gleichſam neugierig auf die Natur und ſehne mich darnach, nähere Bekanntſchaft mit ihr zu machen. Der Gedanke an ſie wirft eine Art Früh⸗ lingsglanz über meinen Herbſt.

Und gewiß, ſagte Harald,wirkt der Umgang mit der Natur verjüngend und wohlthuend auf das menſchliche Herz. Ich gedenke immer mit Freude an die Worte Goe⸗ thes, die er in ſeinem achtzigſten Jahre ſagte, als er ein⸗ mal im Frühling ſonnenverbrannt und fröhlich von einem⸗ Aufenthalt auf dem Lande zurückkehrte:Ich habe eine lange Unterredung mit den Weinranken gehabt, und ihr nicht, wie viel ſchone Sachen ſie mir erzählt haben.

Iſt es nicht, als ſähe man hier ein neues goldenes Zeit⸗ alter hervorſchimmern, in welchem die Stimmen der Na⸗ tur dem Ohre des Menſchen verſtändlich werden und man aus dem Zwiegeſpräch mit ihnen höhere Weisheit und Lebensfrieden ſchöpft.

Unſere Weisheit, ſagte Madame Aſtrid, indem ſie ſich lächelnd umſah,hat inzwiſchen Suſanna nicht ver⸗ hindert, klüger zu ſein, als wir, denn ſie hat an die Hoch⸗ zeitgäſte gedacht, während wir ſie vergaßen. Aber wir wollen ihr jetzt folgen. 4

Nach dem Hochzeitmahle, das durch Toaſte und Lie⸗ der und beſonders durch herzliche Munterkeit gewürzt wurde, zog ſich die Oberſtin auf ihr Zimmer zuruͤck und Alette übernahm jetzt die Rolle der Wirthin.

An ihrem Schreibtiſch ſitzend, warf Madame Aſtrid mit belebtem Blick und in ſchnellen Zügen folgende Zeilen aufs Papier;