„Ja, ich werde gehen, aber nicht, ohne ſie zu ſegnen. Mögen ſie wieder eine eben ſo getreue, eben ſo ergebene Dienerin finden! Mögen Sie Suſanna nie vermiſſen! Und du, meine kleine Hulda, du mein Liebling, meine einzige Freude, bald komme ich zu dir. Ich werde dich in meine Arme nehmen und in einen ſtillen Winkel tra⸗ gen, wo ich ungeſtört für vich arbeiten kann. Ein Bis⸗ chen Brod und ein ſtilles Häuschen werde ich ſchon für uns beide finden. Und wenn mir das Herz wehe thut, ſo will ich dich an mich drücken, du kleines, liebliches Kind, und Gott danken, daß ich noch eine Seele auf habe, die ich lieben kann und die mich wieder iebt.“*
Suſanna war eben mit dieſer Herzensergießung zu Ende, als ſie ſich an der Thüre ihres Zimmers befand. Sie öffnete ſie, trat hinein und blieb in ſtummer Ver⸗ wunderung ſtehen. Waren ihre Sinne noch verwirrt, oder erwachte ſie jetzt erſt aus jahrelangen Träumen?— Sie ſah ſich wieder in dem kleinen Stübchen, wo ſie ſo viele Jahre ihrer Jugend zugebracht, in dem Stübchen, das ſie ſich ſelbſt eingerichtet, bemalt und verziert und Harald ſo oft beſchrieben hatte;— und dort am Fenſter ſtand ja der kleinen Hulda Bett mit der blumigen Decke und dem blauen Mouſſelinvorhange! Dieſer Anblick trieb ibr das Blut heftig zum Herzen, außer ſich rief ſie: „Hulda! Meine kleine Hulda!“
„Da bin ich, Sanna! Da iſt deine kleine Hulda!“ antwortete eine fröhliche, klare Kinderſtimme, die Bettdecke bewegte ſich und ein engelſchönes Kinderköpfchen guckte unter derſelben hervor und zwei kleine weiße Aermchen ſtreckten ſich Suſanna entgegen. Mit einem Ruf beinahe wilder Freude ſtürzte Suſanna auf fie zu und ſchloß die kleine Schweſter in ihre Arme.
Suſanna war bleich, ſie weinte und lachte, und wußte einen Augenblick nicht, was um. ſie herum vor⸗ ging. Aber als ſie ſich wieder faßte, fand ſie ſich auf Huidas Bett ſitzend, das Kind in ihre Arme geſchloſſen


