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Harald Bergmann hatte ausdrucksvolle, etwas ſcharfe Züge und braune Augen, in denen der Ausdruck großen Ernſtes leicht mit dem großer Schalkhaftigkeit wechſelte. Das dunkle Haar. wallte in hübſchen Locken über eine Stirne, die augenſcheinlich klare Gedanken zu beherbergen im Stande war. Sein Wuchs war ſchön und proportio⸗ nirt und alle ſeine Bewegungen zeugten von großer Ge⸗ wandtheit und Geſchmeidigkeit.
Er war in einer angeſehenen Familie aufgewachſen, hatte eine wohlbewachte Erziehung gut benützt und galt unter ſeinen Freunden und Bekannten für einen ausgezeichnet hoffnungsvollen jungen Mann. Er hatte ſo eben das Sſſche Seminar verlaſſen und beabſichtigte eine Reiſe ins Aus⸗. land, um ſeine landwirthſchaftlichen Kenntniſſe zu erweitern, als ihn der Zufall mit der Oberſtin Hjelm zuſammen⸗
führte, die im Begriffe war, als Wittwe in ihr Vater⸗
land zurückzukehren. Dieſe Bekanntſchaft veranlaßte ihn, ſeinen Plan zu ändern. In einem Briefe an ſeine Schweſter äußert er ſich folgendermaßen darüber:
„Ich kann dir eigentlich nicht recht erklären, Alette, welchen Eindruck ſie auf mich gemacht hat. Ich könnte dir ihren hohen Wuchs beſchreiben, ihre edle Haltung, ihr Geſicht, wo trotz manchen Runzeln und einer gelben Farbe unverkennbare Spuren großer Schoͤnheit ſich zei⸗ gen, die hohe Stirne, um welche ſich einige ſchwarze, graugeſprenkelte Locken unter der einfachen Haube hervor⸗ drängen, ich könnte dir von ihren tiefen, durchdringenden Augen, ihrer gedämpften, gleichwohl feierlichen Stimme ſagen, und du wäreſt doch nicht im Stande, dir eine Vorſtellung von dem zu machen, wodurch ſie zu einer ſo ungewöhnlichen Erſcheinung wird. Man hat mir geſagt, ihr Leben habe ſich eben ſo durch eremplariſche Tugend, wie durch Leiden ausgezeichnet, und Tugend und Leiden haben in ihr eine ſtille Größe hervorgerufen, eine Größe, welche die Günſtlinge des Glücks nicht zu erreichen ver⸗ mögen und die ſich in ihrem ganzen Weſen ausprägt. Sie ſah mir aus, als ob alle Kleinlichteiten der Welt


