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Streit und Friede oder Scenen aus Norwegen : Erzählung / von Friederike Bremer. Aus dem Schwed. übers. von G. Fink
Entstehung
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eine ſchöne Ausſicht, weit, weit hin in die blauende Ferne. Waldbewachſene Höhen ſenken ſich gegen den Fluß hinab und umgeben von kleinen Ackerſtücken und ſchönen Grasplätzen lie⸗ gen die Hütten am Fuße des Gebirges zerſtreut. Auf der andern Seite des Fluſſes, etwa eine Viertelſtunde vom Hofe entfernt, erhebt eine Kapelle ihre friedliche Spitze. Hinter ihr zieht ſich das Thal allmälig zuſammen.

An einem kühlen Septemberabend kamen Gäſte auf den ſeit langer Zeit nicht mehr bewohnten Hof. Es war eine ältere Dame von edlem, aber düſtrem Ausſehen und tief in Trauer gekleidet. Ein blühendes, junges Mädchen begleitete ſie. Sie wurde von einem jungen Manne em⸗ pfangen, den man den Verwalter nannte. Die ſchwarzge⸗ Fleidete Dame verſchwand im Hauſe und wurde mehrere Monate lang nirgends im Thale geſehen. Man nannte ſie die Oberſtin und ſagte ſich, Madame Aſtrid Hjelm habe wunderliche Schickſale gehabt, über die allerhand verſchie⸗ dene Gerüchte umliefen. Auf dem Gute Semb, das aus dem ausgedehnten Heimthale beſtand und ihr väterliches Erbtheil war, hatte man ſie nicht geſehen, ſeit ſie ſich ver⸗ mählt und dann daſſelbe verlaſſen hatte. Jetzt ſuchte ſie als Wittwe die Heimath ihrer Kindheit auf. Man wußte auch und erzählte ſich, daß ihre Begleiterin eine Schwedin war, die mit ihr aus einem ſchwediſchen Bade kam, wo ſie ſich den Sommer über aufgehalten, und daß ſie ihrer ganzen Haushaltung vorſtehen ſolle, ja man ſagte, Suſanna Björk regiere ſo gut wie unumſchränkt über den ökonomi⸗ ſchen Theil des Gutes, ſo wie über das weibliche Perſonal deſſelben: Larina, das Stubenmädchen, Karina, die Hausmagd, Petrea, die Köchin, und nicht minder über die Viehmägde Mathea und Göra, mit einem Wort über ſämmtliche Un⸗ tergebene vier⸗ und zweifüßigen Geſchlechts. Mit dieſen Letztern wollen wir jetzt nähere Bekanntſchaſt machen.