Druckschrift 
Nina : Erzählung / von Friederike Bremer. Aus dem Schwedischen übersetzt von G. Fink
Entstehung
Einzelbild herunterladen

468

vergiß nicht, das Wohl und Weh meines Lebens liegt in deinen Händen!“ Mit dieſen Worten riß er ſich von ihr los und verſchwand.

Zitternd ſank Nina zwiſchen den Felſen am Ufer nieder. So aufgeregt, ſo heftig hatte ſie Hervey noch nie geſehen. Thränen über ihn, Liebesworte an ihn, Gebete für ihn beruhigten endlich ihre Geſühle. Ihre Seele war nur ein Gedanke für ihn, ein Gefühl ür ihn.

Kurz nach dieſem Abſchied brachte Nina einen Tag bei Hervehs Mutter zu. Es war ihr Bevürfniß, bei der guten und weiſen Alten Stärkung und Ruhe zu holen. Es war ihr Bedürfniß, Marie von ihrem Bruder ſprechen zu hören. Herveys Mutter empfing Nina mit offenen Armen und vrückte ſie mütterlich an ihre Bruſt. Zum Erſtenmale ſprach ſie mit Nina von ihres Sohnes und und ihren eigenen Hoffnungen. Sie war zu ſtolz auf ihn, um auf ſeine Geliebte ſtolz ſein zu können. Sie fand es ſo natürlich, ſo nothwendig, daß man ihn liebte und ſich glücklich fühlte, ihm anzugehören: dabei bewies ſie ein ſo inniges Verlangen, ihn glücklich zu ſehen, und eine ſo mütterliche Zärtlichkeit für Nina, daß Ninas Herz davon durchdrungen wurde, und ſich unwillkürlich lieblichen Ge⸗ fühlen und lichten Hoffnungen oͤffnete. Marie war glück⸗ lich und heiter, ſie ſetzte ihr das Beſte vor, was das Haus vermochte,— und dies war, Dank ihrer Geſchick⸗ lichkeit, nichts Geringes. Nina ſang lieblich und ent⸗ lockte ihren Zuhorerinnen Thränen. Welche warme, ſchoͤne Worte wurden nicht über Eduard Herveh geſprochen! Nina lauſchte ihnen mit entzückten Gefühlen. Dieſer Tag war lieblich und klar, wie es nur ein Tag zwiſchen guten und gebildeten Menſchen ſein kann, die ein gemeinſames, inniges Intereſſe haben.

Marie begleitete gegen Abend Nina nach Hauſe. Der Himmel war trübe und die Luft ſchwer, allein die Freundinnen merkten es nicht. Nina ſang unterwegs