48
ſchüchtern war fie ſtill, in ſich ſelbſt gefaßt. Ihr Anblick
that der Seele und dem Auge wohl. Wie ſchoͤn und
harmoniſch waren nicht die Bewegungen des weichen Arms,
die wohlgebildeten weißen Hände? Ihr Gang, wie ſchwe⸗
bend, ihre Haltung, wie einfach und edel? Es würde mir
ſchwer werden, euch einen Begriff von der Schoͤnheit und
Anmuth ihres Geſichts beizubringen, aber wenn ihr die
leichte Wölbung der reinen Stirne unter dem glänzenden,
ſeideweichen Haare, den Blick des Auges unter den langen dunkeln Wimpern, das feine griechiſche Näschen, den be⸗ zaubernden Mund, das ſchöne Oval des Geſichtes und bei dem Allen noch eine Haut wie Schnee geſehen hättet, da hättet ihr mit Fräulein Margarethe behauptet, daß ſie das Schönſte ſei, was Gott geſchaffen. Ihre Augen hatten denſelben Schnitt, wie die Avelaidens, aber einen weniger lebhaften Glanz; über Ninas dunkelblauen Augen. lag gleichſam ein Schleier, eine gewiſſe feuchte Dämme⸗ rung, deren Zauber über alle Beſchreibung erhaben iſt. Etwas Wehmüthiges, etwas Träumendes lag in dieſem Blick: es war nicht der lichte Tag, nicht das klare Leben, ſondern etwas Ahnungsvolles, etwas ungemein Rührendes. Wenn ſie den Worten Anderer lauſchte, ſo bewies ſie da⸗ bei die vollſte Theilnahme, und wenn über ihre Roſenlip⸗ pen die Worte floßen, etwas langſam, aber ſo edel, ſo anmuthig und von einer Stimme, die wirkliche Muſik war, da lernte man eine der ſchönſten und im Allgemeinen vielleicht am Meiſten vernachläſſigten Zierden des Men⸗ ſchen ſchätzen.
Jedermann ſpricht heutzutage über die Erziehung, warum nicht auch ich? nämlich über die Ninas. Sie war Kind geweſen, ſie war zur Jungfrau herangeblüht und hatte wenige ſogenannte Kinderbuͤcher und beinahe gar keine Romane geleſen, keine Madame Genlis, keinen Lafontaine. Sie lebte daher auch nicht in dem Irrwahn, daß äußeres Glück nothwendig auf innere Tugend und Güte folgen müſſe; ſie hatte nicht gelernt, daran zu den⸗
ken, daß bei der gewöhnlichſten Handlung chriſtlicher


