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jedoch nicht mehr mit Unruhe daran. Ich habe meine ſieben Sachen geordnet und mich auf Alles vorbereitet. An Bär habe ich einen Brief geſchrieben, der ihm, wenn ich ſterbe, ſagen ſoll, wie ſehr ich ihn liebte und wie glücklich er mich während unſerer kurzen Verbin⸗ dung gemacht hat. Mein armer, guter Bär! Er iſt jetzt ſo unruhig, ſo beſorgt um mich, daß es mir herz⸗ lich leid um ihn thut. Ich ſehe, daß er ganz und gar nicht zu meinem Doctor taugt. Ich muß jetzt Muth
für uns Beide haben. Ich will dem Beiſpiele folgen, das mir einmal eine junge Freundin gab. Sie war in derſelben Lage, wie ich, dazu allein auf dem Lande und von Schneefeldern umgeben; allein ſie erhielt ſich dadurch bei gutem Muthe, daß ſie einige der ſchönſten Scenen aus Sheakſpeare überſetzte. Ich habe keinen Sheakſpeare bei der Hand, um ſo näher aber liegt mir der Gedanke an meine zehn Töchter. Ich will mich niederſetzen und eine Epiſtel ſchreiben
An meine Cöchter.
Vor Allem, meine Töchter, bedenket wohl, daß ihr Menſchen ſeid. Werdet gut, werdet wahr! Das Uebrige wird ſich ſchon finden.
Seid ſo viel als möglich gut gegen jeden Men⸗ ſchen, freundlich gegen jedes Thier. Seid es ohne Empfindelei, ohne Affectation. Affectation iſt eine elende Kunſt, meine Töchter; verachtet ſie, wenn ihr Menſchen⸗ werth gewinnen wollt.
Bildet euch Nichts ein, wenn ihr auch noch noch ſo viele Talente und Gaben beſitzet. Betrachtet das Leben und die Natur und ſeid demüthig.. Seid nicht verzagt, wenn ihr von der Natur ſtief⸗ mütterlich behandelt, wenn ihr verkrüppelt, bäblich ſeid u. ſ. w. Ihr könnt dennoch dem Allerhöchſten nahe
mmen. Fordert nicht Viel von andern Menſchen, meine
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