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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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ich Frieden erhalten ſollte auf Erden. Ich ſuchte dich auf dem Wege zu gewinnen, den du mir ſelbſt gezeigt haſt. Ich wurde abgewieſen. Es war nicht verletzter Stolz, Serena, was mich veranlaßte, mich auf einige Zeit aus deinem Hauſe zu verbannen. Nein, ſondern ich ging in mich, und verſuchte es, dir zu entſagen. Ver⸗ gebens! Eine unnennbare, unwiderſtehliche Macht zog mich an dich. Es war ein Band zwiſchen uns, das mir von Gott dem Vater ſelbſt geknüpft zu ſein ſchien. Du wurdeſt mein. O Augenblick des Entzückens, der Götter⸗ ſeligkeit! Du warſt mein, und erneut war das Leben, vergeſſen alles Vergangene, Alles verſöhnt, verklärt! Ach, nur auf einen Augenblick! Bald erhoben ſich wie⸗ der die Furien in meiner Seele, der Erinnerung ſtrafende Göttinnen und deine Ergebenheit, Serena, dein reiner Blick, ſie wurden ſtachelnde Vorwürfe für mich. Ich war deiner nicht würdig, Serena mit jedem Tag er⸗ kannte ich es mehr; und doppelt unwürdig, wenn ich dich in ein Leben reißen wollte, deſſen Dunkel du nicht kannteſt. Denn vergebens würde ich mich bethören wol⸗ len nie werde ich ruhig ſein, nie wird die Seligkeit eines reinen Herzens in meiner Bruſt wohnen. Das Geſchehene kann nicht ungeſchehen gemacht werden. Es gibt Begebenheiten in meinem Leben, die ich nie ver⸗ geſſen werde, Erinnerungen, die mich bis in's Grab ver⸗ folgen werden. Es ſind dunkle Spuren, wilde Gefühle in meiner Seele, die ſelbſt deine Engelsgüte, deine Klar⸗ heit nicht auszulöſchen im Stande iſt; die Reue über das Vergangene wird mich auch an deiner Bruſt ver⸗ folgen!.. O Serena, deine unſchuldige Hand ſollte nicht in eine von ſo vielen Verbrechen befleckte gelegt, du, die Reine, Geſegnete, ſollteſt nicht mit dem vereinigt werden, auf dem der heimliche Fluch der bürgerlichen Geſellſchaft ruht; wenigſtens ſollteſt du nicht deine Ju⸗ gend, deine Schönheit, deine weibliche Tugend einem Betrüger hingeben. Dieß iſt mir in dieſer letzten Zeit klar geworden. Es iſt mir klar geworden, daß, wenn ich