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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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und geordneten Wirkſamkeit ſuchte ich mein Leben, das mich drückte, nützlich zu verwenden. Ich verſuchte mich in großen Handelsſpeculationen. Ich hatte Glück; ich wurde reich, ach, aber ich blieb doch arm und mitten im Ueberfluß hungerte meine Seele. Um dieſe Zeit führte mich eine Reiſe nach England. Ich hörte Canning, wie er vor den Vertretern eines edlen Volkes für die Ab⸗ ſchaffung des Negerhandels, für Freiheit und Menſchen⸗ wohl ſprach. Ich erblickte auf ſeiner Stirne den Glatz einer unſterblichen Schönheit. Zum erſten Mal begriff ich Menſchenwerth, Menſchenadel, und die Elendigkeit meines frühern Lebens. O Serena, da grämte ich mich über vergeudete Tage und Kräfte. Doch ich war noch jung; noch konnte ich anfangen aber was? Ein verfluchter, ein von ſeiner Mutter verfluchter Sohn wie kann er etwas Gutes beginnen, was den Segen von Oben hat? Ich war verflucht. Das war das Feuer⸗ zeichen, das auf meiner Stirne brannte; der Stein, der uber meinem Leben lag und es zu ewiger Finſterniß ver⸗ urtheilte. Welcher Engel vermöchte dieſen Stein abzu⸗ wälzen? O, lange Zeit kämpfte meine Seele in dum⸗ pfer Verzweiflung, denn meine Mutter iſt das einzige Menſchenkind, das ich gefürchtet hatte. Oft ſeit meiner Kindheit hatten unſere Seelen mit einander gerungen, aber ſie hatte geſiegt, ſie hatte die meinige geſchlagen. Geſchlagen iſt das rechte Wort, geſchlagen mit Fluch. Bitterkeit wuchs im Herzen, aber lange Jahre gingen darüber hin, und die Liebe kam wieder und wuchs über die Bitterkeit. Der Gedanke an eine Verſöhnung mit ihr wurde der einzige Gedanke in meiner Seele. Dieſe Verſöhnung wurde die Bedingung eines neuen, eines beſſern Lebens. Ohne ſie war mir die ganze Welt Nichts. Hoffnung hatte ich nicht, doch ich mußte wagen, wenn ich leben ſollte. So mächtig hatten dieſe Gefühle mein ganzes Weſen erfaßt, daß ich phyſiſch geſchwächt wurde.