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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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he. s⸗

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Verbrechen zu löſen drohte. Gebt der Reuevollen, der Sterbenden dieſen letzten Troſt.

Hagar ſchwieg. Die beiden Alten reichten ihr die Hände und ſprachen Worte der Verſöhnung zu ihr. Hier⸗ auf entfernten ſie ſich leiſe, da Hagar ſehr matt zu ſein ſchien. Hagar wurde von einer augenblicklichen Ohn⸗ macht überwältigt, erwachte aber bald daraus, wandte ihre erlöſchenden Augen zu Serena und ſagte:

Und jetzt laß mich dir danken, du klare Quelle, in der Gottes Himmel ſich ſpiegelt. Für meine bitte⸗ ren Worte gabſt du mir gute zurück; für das Leiden, das ich dir zugefügt, haſt du das meinige gelindert und verſüßt. Erquickende Tränke haſt du an meine Lippen geführt und das Oel der Barmherzigkeit haſt du in die Wunde meines Herzens gegoſſen. Du haſt mir der Liebe heilige Lehre erklärt du haſt gemacht, daß jetzt ſanfte Gefühle in meiner Seele herrſchen, daß ich noch an der Pforte des Todes hoffen kann Serena, Bruno, gebt

mir eure Hände, damit ich, die ſie trennen wollte, ſie

jetzt vereinen möge, damit ich einen Segen über ſie aus⸗ ſpreche, bevor meine Lippen auf ewig verſtummen. Stille weinend gab Serena ihre Hand, aber Bruno

ſtand unbeweglich.

Er will nicht! rief Hagar mit Schmerz.Er

fürchtet den Segen, den meine Lippen ausſprechen wür⸗

den, er verabſcheut mich bis in den Tod!

Nein, es iſt nicht ſo, Hagar, ſagte Bruno mild, indem er ſeine Hand auf ihre gewaliſam arbeitende Bruſt legte;habe Frieden mit mir, wie ich ihn mit dir habe. Du biſt mir theuer geweſen und biſt es noch in dieſem Augenblick.

Habe ewig Dank für dieſe Worte! rief Hagar ſhio, ſage ſie noch einmal; ſage, daß du mir verzeihſt.

Wer bin ich, daß ich dir verzeihen ſollte?2 ſagte Bruno düſter;welches Recht habe ich, beſſer zu ſcheinen, als du? Wir haben Beide gefehlt, ſtehen Beide vor