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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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hier ungleich war. Dann, Hagar, wird es oſt geſche⸗ hen, daß der, welcher nur in den letzten Stunden ge⸗ arbeitet hat, gleichen Lohn erhält mit dem, der ſchon in der erſten berufen ward.

Hagar richtete ſich ein wenig auf und betrachtete Serena mit Verwunderung.Welcher Gott lebt in deiner Seele? ſagte ſie,und warum zu mir ſo milde Worte, zu mir, der Verhaßten, der Verworfenen?

Nicht verbaßt, nicht verworfen! ſagte Serena, indem ſie aufſtand und ſich dem Krankenbette näherte, ach nein, Hagar! Sie haben ganz gewiß einen mil⸗ den Richter zu erwarten.

Mit einem Ausdruck hoher Spannung ſtierte Ha⸗ gar's fragender Blick in das holde Geſicht, das jetzt bei ihrem Beite war und mit dem Erbarmen eines Engels auf ſie herniederſah. Serena fuhr fort:

Eiferſucht hat Sie zu einer finſtern That verführt, aber ihre Liebe iſt wahr und groß. Ich habe Ihnen gelauſcht, Hagar, als Ihre Seele Ihr innerſtes Leben erſchloß; ich habe Ihnen gelauſcht in Augenblicken der Dämmerung, in der Nacht, als Sie ſich allein glaub⸗ ten, und ich habe begriffen, wie Sie lieben; keine niedrige Seele, kein gewöhnliches Weib kann ſo lieben! Leidenſchaft, Umſtände, das Dunkel in ihrer Seele, hat Sie irre geleitet auch über Sie ſelbſt. Aber in klaren Stunden, auch jetzt, Hagar, ſteigen Sie in Ihr Herz hinab und fragen Sie ſich gibt es Etwas, was Sie nicht für Bruno's Glück zu opfern bereit wären? Gibt es ein Leiden, das Sie nicht um ſeinetwillen gerne auf ſich nehmen würden? Iſt nicht die Liebe zu ihm Ihr ſtärkſtes, ja Ihres Herzens einziges, tiefſtes Gefühl?

Ja, rief Hagar,ich habe ihn geliebt, brennend, unausſprechlich geliebt: ich liebe ihn noch, aber dieſe Liebe hat mich zum Verbrechen geführt!

Und wenn Sie mein Herz getroffen hätten, Hagar, und wenn ich jetzt ſterbend neben Ihnen läge, ſo würde