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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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An den Leſer von einem fremden Frauen⸗ zimmer.

Aber Madame Werner erfährt nur die Oberfläche der folgenden Entwicklung. Mich machte das Schickſal mit dem innern Weſen derſelben bekannt und ich will jetzt den Schleier von einigen der Scenen lüften, die ſich um dieſe Zeit in Hagar's Krankenzimmer ereigneten. Schattenbilder will ich ſie nennen, denn ſie ſind aus ſtarkem Dunkel in ſtarkem Licht entſtanden. Sie kön⸗ nen mit jenen Contourzeichnungen verglichen werden, die man beim Lichtſchein an den Winterabenden von den Schatten menſchlicher Geſichter nimmt. Sollte der Kenner der Kunſt und des Menſchen dieſe Skizzen gar zu flüchtig, gar zu wenig ausgeführt finden, um eine tiefere Aufmerkſamkeit zu verdienen, aber gleichwohl zu viele Züge von Wahrheit daran entdecken, um ver⸗ worſen zu werden, ſo bin ich zufrieden und beginne getroſt mit dem

Erſten Schattenbild.

Eiferſucht klopft' an meines Herzens Thuͤre

Und rief:Doͤdte, todte!

Shakſpeare.

In einem ſtillen Zimmer, deſſen Fenſter auf einen kleinen Garten ſah, wurde die kranke Verbrecherin Ha⸗ gar wie das geliebte Kind des Hauſes gepflegt. Ein paar Tage waren dahingegangen. Hagar raste bald im Fieberwahnſinn, bald mit Bewußtſein. Doctor Wer⸗ ner ſaß an ihrem Bette, beinahe mit Erſtaunen den Kampf von Leivenſchaften betrachtend, die ſeine Seele