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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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462 und erhielt von Bär bloß Nachrichten über Serena's und Hagar's Zuſtand, worauf er wieder fortſtürzte, wie von Furien gejagt.

Es war eine lange, eine qualvolle Nacht. Serena fragte oft:Wird es nicht bald Morgen? Tagt es noch nicht? Ach, ſie verlangte nach dem Morgen, denn ſie glaubte, mit ihm werde Licht und Bruno kommen. Aber als der Morgen kam, kam Bruno nicht, ſondern nur ein Billet von ihm, das folgende wilde, unzuſam⸗ menhängende Zeilen enthielt:

Ich ſollte wieder kommen, ich ſollte erklären... ſo bateſt du mich. O, daß ein Wunſch von dir an mich je unerfüllt bleiben ſollte! Serena, ich kann Nichts erklären, ich kann nicht kommen!... Sie will ich nicht ſehen; dich kann ich nicht... dein Anblick verzehrt mich. Ich kann jetzt nichts erklären. Die Ehre gebie⸗ tet, aber die Ehre verbietet auch. lebe wohl, Ange⸗ betete Beklagenswerthe, ja, denn du liebſt mich. Ich kann nicht kommen. aber ich will dich unſicht⸗ bar, unſelig umgeben. War es nicht die Strafe der Verdammten, das Paradies nahe zu ſehen, aber durch ein flammendes Schwert davon ausgeſtoßen zu bleiben? Vergeltung, fürchterliche Vergeltung... bete für mich, Serena! denn die Hölle iſt in meinem Herzen!

Nachdem Serena dieſe Zeilen geleſen, legte ſie den Kopf in ihre Hände und ſaß lange ſo da, wie der Welt entrückt. Aber gewiß muß ſie ſtill zu dem ewigen Tröſter gebetet, gewiß muß ihr Herz ſich zum Vater der Liebe erhoben haben, denn ſonſt hätte ihr Geſicht, als ſie das Haupt wieder aufrichtete, nicht mitten im Schmerz den Ausdruck einer ſo hohen, ſo milden Er⸗ gebung tragen können. Ihr erſter Gang war zu ihren alten Eltern; die erſten Worte, die ihre Lippen nach dieſem Schlage äußerten, waren eine Bitte an ſie, Geduld zu haben, um ihretwillen Geduld zu haben, Nichts zu übereilen, nicht zu urtheilen, den Augenblick abzuwarten, wo dieſes Dunkel ſich aufhellen und Bruno