Druckschrift 
Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

51

Major, ein ältlicher, aber noch ſchöner Mann, hatte ein freundliches und artiges Weſen. Die Majorin war eine ſehr dicke, noch junge, aber nicht ſchöne Frau und ihr Ausſehen hatte etwas ausnehmend Offenes und Gerades. Bär präſentirte„meine Frau,“ und„meine Frau“ wurde beinahe ebenſo freundſchaftlich aufgenom⸗ men, wie mein Bär. Die Herren gingen im Zimmer auf und ab und plauderten; die Majorin und ich ſollten auf dem Sopha nähere Bekanntſchaft machen. Sie ſah mich an und ich ſie. Ihr Geſicht kam mir bekannt vor, ihre Stimme noch mehr und letztere, die einen finni⸗ ſchen Accent hatte, machte einen ganz beſondern Ein⸗ druck auf mich. Ich konnte meine Augen nicht von ihr abwenden, ich ſah an ihrem Hals eine kleine Narbe und— auf einmal fiel mir eine ganze Epiſode aus meinem ſrüheren Leben ein: ich erlebte noch einmal, was du mit mir erleben mußt, wenn du das jetzt Fol⸗ gende begreifen willſt.

Begleite mich vor Allem zu meinen Großthaten in den Sälen der Gymnaſtik, begleite mich in eine Zeit, wo ich noch ſehr jung war, wo mein Blut nicht ſo ruhig floß, wie jetzt(obgleich Bär verſichert, es könnte ohne Schaden noch rubiger fließen), in eine Zeit, wo ich es ſo herzlich überdrüſſig war, immer dieſelben Geſichter zu ſehen, wo ich mir um jeden Preis Abenteuer wünſchte, wo eine Feuersbrunſt, ein Auflauf für mich wahre Er⸗ quickungen, wo die Schlacht bei Prag und die Schlacht bei Fleury meine liebſten Muſikſtücke waren, wo ich darüber weinte, daß ich kein Mann geworden und nicht in den Krieg ziehen konnte, wo ich aus einer Art Be⸗ dürfniß Exceſſe zu begehen einmal fünf Taſſen wäſſerigen Thee bei dem Kämmerer Arbels trank, deſſen Frau in einer Art wohlwollender Raſerei mir noch die ſechste aufdrängen wollte.

Ich war damals ſechszehn Jahre alt und zum Glück für meine unruhige Gemüthsart, begann um dieſe Zeit meine rechte Schulter ein wenig herrotin