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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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einen ſtaubbedeckten Wagen auf der Anhöhe? Darinnen ſitzt Bär und ſeine Frau. Die Frau guckt fürwitzig hinaus, denn vor ihr liegt in der Abendruhe ein gar ſchönes Thal. Da unten ſtehen grüne Haine und um⸗ ſchließen klare See'n; Saatfelder ziehen ſich in ſeidenen Wogen um graue Berge und zwiſchen den Bäumen ſchimmern freunvliche weiße Gebäude hervor⸗ Rund umher von den waldbewachſenen Höhen ſteigen Rauch⸗ ſäulen gerade binauf an den klaren Abendhimmel. Es ſieht aus, wie Vulkane, iſt aber bloß friedliches Schwen⸗ deland. Gleichviel; es iſt ſchön und ich bin entzückt, neige mich vor, denke Etwas von einer glücklichen Na⸗ turfamilie, vom Paradies, von Adam und Eva, als auf einmal Bär ſeine großen Tatzen um mich legt und mich dergeſtalt preßt, daß ich nahe daran bin, den Geiſt aufzugeben, während er mich küßt und bittet, es mir hier wohl gefallen zu laſſen. Ich war ein wenig böſe; als ich aber die Herzensmeinung in dieſer Umarmung ſah, mußte ich mich zufrieden geben. Hier im Thal war alfo meine künftige Heimath; hier lebte meine neue Familie; hier lag Roſenvik; hier ſollte ich mit meinem Bären leben. Wir kamen den Hügel herab und der Wagen rollte raſch auf der ebenen Straße weiter. Bär nannie mir die verſchiedenen Güter, die wir in der Nähe und Ferne ſahen. Ich hörte ihn wie im Traume an, wurde aber plötzlich aus meinen Gedanken erweckt, als Bär mit einem gewiſſen Accente ſagte:Hier wohnt ma chéère mére! und der Wagen in einen Hof hineinfuhr, allwo er vor einem großen, ſchönen, ſteinernen Hauſe ſtehen blieb.Was? Werden wir hier ausſteigen?Ja, mein Schatz. Dieß war für mich eine keineswegs angenehme Ueberraſchung. Ich wäre gerne zuerſt in mein eigenes Haus gefah⸗ ren und hälte mich dort auf die Zuſammenkunft mit der Stiefmutter meines Mannes etwas vorbereitet, vor der mir nach allerhand Erzählungen, die mir zu Ohren gekommen waren und nach dem Reſpekt, den,

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