98 Jakob von Artevelde.
Ein Trunkenbold trat aus dem Haufen hervor und ſagte ſpottend zu ihr:
„Nun, Frau! das kommt davon, die Königin zu ſpielen und ſo hoch auf die Genter herabzuſehen! Das ſchöne Wetter iſt vorüber. An Jeden kommt die Reihe. Habt Ihr Eure Kiſte ſchon gepackt, um mit Mher Jakob eine funfzigjährige Vergnügungsreiſe außerhalb Flan⸗ derns anzutreten? Die Luftveränderung wird Eure bleiche Tochter erquicken. Ich wünſche Euch Lebewohl und viel Vergnügen.“
Vor Wuth zitternd, hatte Lieven ſeinen Dolch er⸗ griffen und würde ſicher den Spötter niedergeſtoßen ha⸗ ben; Frau Artevelde faßte ihn aber bei dem Arme und ſagte ihm ſo kräftige Worte in das Ohr, daß er die Waffe losließ und bittend zu den umherſtehenden Zunft⸗ genoſſen ſagte:
„Um Gottes willen, Geſellen! ehrt doch dieſe Frauen. Welche Verblendung hat Euch ergriffen, daß Ihr auf eine ſo grauſame Weiſe Euch ergötzt an dem Schmerze von Leuten, die ſich gegen Eure Beleidigung nicht ver⸗ theidigen können! O, es iſt eine Schande, welche mich erröthen macht, daß ich auch den Namen eines Genters führe.“
Frau Artevelde hatte unterdeſſen ihr ſchlafendes Kind der Magd aus den Armen genommen. Sei es nun, daß der Anblick dieſer Handlung oder ein Gefühl der Schaam einige der Zunftgenoſſen zur Erkenntniß brachte, wie feig es ſei, wehrloſe Frauen zu verfolgen, ſie gaben Lieven Recht und wollten die Anderen aus dem Wege ſchieben.
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