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dann kleinlich genug, meinen eigenen Intereſſen zu dienen, indem ich meine Falſchheit verſteckte.“
Ich hielt ſie voll Erſtaunen von mir ab. Zum erſten⸗ male in unſerm Leben hatten wir die Rollen gewechſelt; alle Entſchloſſenheit war auf ihrer Seite, alle Zaghaftigkeit auf der meinigen. Ich ſchaute in das blaſſe, ruhige, er⸗ gebene junge Geſicht; ich ſah das reine, unſchuldige Herz in den zärtlichen Augen, die in die meinigen blickten— und die armſeligen, weltlichen Warnungen und Einwürfe, die zu meinen Lippen ſtiegen, ſchwanden und erſtarben in ihrer eigenen Nichtigkeit. Ich ſenkte ſchweigend den Kopf. An ihrer Stelle wäre der verächtliche, kleinliche Stolz, der ſo viele Frauen falſch macht, mein Stolz geweſen, und hätte auch mich falſch gemacht.
„Sei nicht böſe mit mir, Marianne,“ ſagte ſie, mein Schweigen mißdeutend.
Ich konnte nur antworten, indem ich ſie feſter an mich drückte. Ich fürchtete zu weinen, wenn ich ſpräche. Meine Thränen fließen nicht ſo leicht, wie ſie wohl ſollten, ſie kommen faſt wie Männerthränen, mit einem Schluchzen, das mir die Bruſt zu zerreißen ſcheint und Alle, die um mich ſind, erſchreckt.
„Ich habe ſchon ſeit mehreren Tagen daran gedacht, Liebe,“ fuhr ſie fort, während ſie mein Haar mit jener kindi⸗ ſchen Unruhe um ihre Finger wand, welche die gute Mrs. Veſey noch immer ſo geduldige und ſo vergebene Verſuche machte, ihr abzugewöhnen—„ich habe ſehr ernſtlich daran gedacht, und ich kann mich auf meinen Muth verlaſſen, wenn mein Gewiſſen mir ſagt, daß ich recht thue. Laß mich morgen zu ihm ſprechen, in Deiner Gegenwart, Ma⸗


