Teil eines Werkes 
3. Bd. (1862)
Entstehung
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81 auch mit meinen Augen ſehen, was dieſer Brief enthält. Es iſt das Geheimniß des Myrthenzimmers.“

Sie neigte ſich dicht auf die verſchoſſene, verblichene Schrift herab und las folgende Worte:

„An meinen Gatten.

„Wir ſcheiden auf immer, Arthur, und ich habe nicht den Muth gehabt, unſern Abſchied durch das Geſtändniß zu verbittern, daß ich Dich hintergangen habe— grauſam und nie⸗ drig hintergangen. Noch vor wenigen Minu⸗ ten weinteſt Du an meinem Bett und ſprachſt von unſerm Kinde. Mein betrogener, mein geliebter Gatte, die Tochter Deines Herzens iſt nicht Dein, iſt nicht mein. Sie iſt ein Kind der Liebe, welches ich für das Deine ausge⸗ geben. Ihr Vater war ein Bergmann in Porthgenna, ihre Mutter iſt meine Zofe, Sara Leeſon.“

Roſamunde ſchwieg, aber hob ihre Augen nicht von dem Briefe empor. Sie hörte, wie ihr Gatte plötzlich ſeine Hand auf den Tiſch legte; ſie hörte wie er vom Stuhle in die Höhe fuhr, ſie hörte wie er raſch und keuchend aufathmete; ſie hörte wie er einen Augenblick darauf mit ſich ſelbſt ſprechend flüſterte:

„Ein Kind der Liebe!“

Mit furchtbarer, qualvoller Deutlichkeit hörte ſie dieſe Worte. Der Ton, in welchem er ſie flüſterte, machte ihr das Blut erſtarren. Aber ſie bewegte ſich nicht, denn es gab noch mehr zu leſen, und ſo lange es noch mehr zu leſen gab, wäre ſie, ſelbſt wenn ihr Leben

Wilkie Collins, Ein tiefes Geheimniß. III. 6