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Schimmer ihrer großen grauen Augen noch glän⸗ zender gemacht. Sie war es ſich bewußt daß ihr Ausſehen ſchöner als je war; ſie war es ſich be⸗ wußt daß ihre Schönheit durch den Contraſt, der ſich nach Entfernung der angenommenen Maske dar⸗ bot, nur gewann. Ihr liebliches, lichtbraunes Haar hatte nie ſo voll und ſeidenweich ausgeſehen wie jezt, wo es ſeiner Haft durch die graue Perrücke entron⸗ nen war. Sie flocht es bald ſo, bald anders mit ihren raſchen, geſchickten Fingerchen; ſie ließ die lockige Fülle deſſelben auf ihre Schultern fallen, ſie legte es dann wieder rückwärts auf einen Haufen und wandte ſich auf die Seite, um zu ſehen wie es hinunterwalle, um Nacken und Schultern zu be⸗ ſchauen, befreit von der künſtlichen Entſtellung durch den wattirten Mantel. Einen Augenblick ſpäter blickte ſie wieder gerade in den Spiegel hinein, wühlte mit beiden Händen in ihrem Haar, ſtüzte ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch und beſah immer näher und näher ihr Spiegelbild, bis endlich ihr Athem das Glas zu trüben begann.„Ich kann jeden Mann lebendig um den Finger wickeln,“ dachte ſie mit dem Lächeln ſtolzen Triumphes,„ſo lange ich mein Ausſehen behalte. Wenn der verächtliche Wicht mich jezt ſähe—“ Sie bebte zurück vor der Vollendung des Gedankens, indem es ſie ſchaudernd durchrieſelte; ſie wandte ſich von dem Spiegel ab und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen.„Ach Frank!“ murmelte ſie,„welch ein Geſchöpf könnte ich Deinetwillen werden!“ Mit begierigen Fingern riß ſie das weißſeidene Täſchchen aus ſeinem Ver⸗ ſteck in ihrem Buſen; ihre Lippen verſchlangen es


