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dazwiſchen und nahm wieder neu auf:„Graf Clodwig und Herr Sonnenkamp betrachten ganz das Gleiche als das höchſte Gut.“
„Und das iſt?“
„Ruhe. Freilich, die Ruhe, die Herr Sonnenkamp will, iſt eine ganz andere als die des Grafen. Gräfin Bella aber braucht Unruhe, ſie kann ohne ſie nicht leben. Sie iſt ein wahrer Tugenddrache; ſie muß jede Woche oder mindeſtens jeden Monat einen reinen Ruf verſchlingen, oder noch beſſer ein Schuldbeladenes katzenartig zer⸗ reißen; ſie beißt wie wohl dreſſirte Jagdhunde am liebſten nach den Augen eines armen Häsleins, dann iſt ſie geſättigt und äußerſt zuvorkommend und thut Niemand etwas. Sie ſpricht ſehr gut von Dieſem und Jenem, ſo lange es ihnen ſchlecht geht; wenn die Menſchen gedemüthigt ſind, begnadigt ſie dieſelben gern; ſobald ein Menſch krank iſt, wird ſie menſchenfreundlich gegen ihn, ſo lange er aber geſund iſt, hat er nur Härte von ihr zu erwarten. Daß ſie ſchönes volles Haar hat, freut ſie nicht ſo ſehr, als daß ſie ſagen kann: dieſe oder jene hat ſo und ſo viel Pfund falſches Haar. Sie iſt glücklich, ſagen zu können, dieſe oder jene Frau iſt ſerophulös, denn die Pranckens allein ſind geſunde Menſchen. Und wenn ſie etwas behauptet, ſo geht ſie nie davon ab; es iſt ihr lieber, daß ihr Mann, daß die ganze Welt unlogiſch iſt, als daß ſie Unrecht hat; Unrecht darf Bella von Wolfsgarten nie gehabt haben. Sie hat nie ein unpaſſendes Kleid getragen, nie ein Wort geſagt, das nicht in Stein gegraben werden durfte. Und das nennt ſie Charakter! nennt ſie Stärke! Mag die Logik der ganzen Welt darüber zum Teufel gehen. Sie kann den geſpräch⸗ lichen Eiertanz ſehr gut ausführen. Haben Sie ſchon ein zierliches Brieflein von ihr bekommen? Sie verſteht auch auf dem Papiere voll biegſamer Anmuth zu tanzen.“
Erich fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, er begriff nicht, daß er das Alles hörte. Der Doctor warf eine halb angerauchte Cigarre weg und fuhr fort:
„Die böſe Welt wünſcht, und leider könnte es nicht geſchehen, ohne Clodwig ins Herz zu treffen, daß dieſer Tugenddrache einmal
ſeinen unheiligen Georg finde; aber das müßte ein Mann ſein,
der, wie man's nennt, Glück bei den Frauen machen will, nicht
einer, dem die Worte Liebe, Seelengröße, höheres Streben ernſt „ſind, und der ſie nicht zum Deckmantel für andere Zwecke miß⸗ Praucht.“
Auerbach. Landhaus am Rhein. Il. 2


