Teil eines Werkes 
Entstehung
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Das fürchterliche Schickſal, welches vor fünfzig

langen Jahren durch meine Schuld über unſer väterliches Haus kam, wird Dir, Friedrich, wohl kaum noch erinnerlich ſeyn. In Deinem ſechsten Jahre wareſt Du Zeuge der blutigen Auftritte, welche in unſeren ſo glück⸗ lichen Wohnungen ſtatt hatten. Doch mir ſchweben ſie noch ſo lebhaft vor, als hätten ſie ſich erſt geſtern er⸗ eignet. Die Erinnerung daran, und die Reue über die erſchrecklichen Folgen eines unbedachtſamen Schrittes wa⸗ ren ein halbes Jahrhundert lang meine tägliche Speiſe, und keine Nacht verging, wo nicht blutige Thränen ein elendes Lager benetzten. Was der unglücklichen Zerſtö⸗ rung unſeres Schloſſes, und dem erbärmlichen Tode un⸗ ſeres Vaters voranging, brauche ich hier nicht zu wie⸗ derholen; es iſt geſchichtlich und allgemein bekannt. Wie leblos lag ich auf der blutigen Leiche mei⸗ nes Baters, deſſen letzte Worte, ehe der tödtende Stahl der Spanier ihn traf, einen Fluch über mich ausſprach. Wie lange ich in dieſem Zuſtande blieb, weiß ich nicht; als ich mein Bewußtſeyn wieder erlangt, hatten die Spanier das Schloß verlaſſen. Ich blickte um mich her, und beim ſchwachen Lichte einer Fackel, welche ſie im Saale zurückgelaſſen hatten, ſah ich mich von Blut und Leichen, worunter auch die meines Vaters, umringt. Es dauerte lange Zeit, ehe ich erfaſſen konnte, was in dieſer traurigen Nacht vorgefallen war, doch bald ſtand es in ſeiner ganzen Schreckensgeſtalt mir vor Augen. Mit Anwendung aller meiner Kräfte hatte ich mich auf⸗ gerafft und ſuchte nach einem Schwerte, um meinem unbeſchreiblichen Elende ein Ende zu machen; allein es war mir, als umhülle ein dichter Nebel meine Blicke. Ich konnte nichts unterſcheiden. Ich wankte aus dem Saale heraus; alles war ſtill und öde. Nur in der Ferne glaubte ich Jubeltöne zu hören, welche aus der Hölle emporzuſteigen, und die verübten Gräuel zu ver⸗

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