Teil eines Werkes 
Entstehung
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Aufregung hervorgebracht hatte. Der Alten Worte wa⸗ ren für Moritzens Eltern ein Räthſel, doch es löste ſich bald auf, als ſie ſich an den Hausherrn wandte und ſagte:

Eine lange Reihe, Jahre iſt verſtrichen, ſeitdem Du zuletzt den Ton meiner Stimme hörteſt, Fried⸗ rich! ein halbes Jahrhundert in namenloſem Elend und Trauer verlebt! Du kennſt mich nicht, und ſiehſt mich voll Verwunderung an, daß ich auf eine ſolche Weiſe zu Dir rede. Und dennoch, Friedrich! haben wir unter demſelben Herzen gelegen; dieſelbe mütterliche Bruſt hat uns geſäugt, Du ſiehſt in mir Deine unglückliche Schweſter Margaretha.

Ein Ausruf des Erſtaunens, welchen Emma al⸗ lein nicht theilte, unterbrach die Worte der alten Frau. Bald fuhr ſie fort:

Jetzt wißt Ihr, wer ich bin, aber glaubet deß⸗ halb nicht, daß die Gräber ihre Todten zurückgegeben haben. Nein, die, welche Ihr alle todt hieltet, lebte während fünfzig Jahren vor dem Auge der Welt ver⸗ borgen und der grauſamſten Reue und Trauer Preis ge⸗ geben. Sie ſehnte ſich nach dem Augenblicke, der ihrem erbärmlichen Daſeyn ein Ende machen würde: und doch freute ſie ſich, daß ihr noch hienieden Zeit zur Buße geſchenkt war. Lange Zeit nährte ſie in ihrem Inner⸗ ſten die Hoffnung, daß ſie vom Schickſale den Ihrigen zum Schutzgeiſte beſtimmt ſey. Leider zu ſpät habe ich eingeſehen, daß dieſe Erwartung eitel war; und bald wäre ich durch meinen verfluchten Wahn zum zweiten Male die Urſache unſäglichen Elends für unſre Familie geworden. Doch die Barmherzigkeit des Himmels hat es abzuwenden gewußt, und endlich iſt die Zeit erſchie⸗ nen, wo durch langjährige Buße die Schuld getilgt, und das bäumende Roß am Rande des Abgrundes aufgehal⸗ ten worden iſt.