12 behaupten, zuweilen in Unbeſcheidenheit übergehen kann. Er drückte ſeinem Gaſte bieder die Hand, und ſprach die Hoffnung aus, daß das Schloß und ſeine Bewohner dem lieben Gaſte wohl ſo ſehr gefallen würden, um viele Tage, ja Wochen auf der Inſel zu verweilen. Moritz erwiederte, wie ſich leicht denken läßt, daß er dies kei⸗ neswegs bezweifle, doch ſeine ihm nur karg zugemeſſene Zeit ließe ihn nichts eifriger wünſchen, als bald den Hauptzweck ſeiner Reiſe in Ordnung zu bringen.
„Das wird ganz beſtimmt der Fall ſeyn, mein junger Freund!“— erwiederte ſein Gaſtherr freundlich— „dieſer Stein des Anſtoßes ſoll bald aus dem Wege ge⸗ räumt ſeyn, und alle Plackereien einer Streitigkeit, welche von Erbſchaftsangelegenheiten faſt unzertrennlich ſind, ſollen ſchnéll aus dem Wege geräumt werden. Sollte die Sache auch noch ſo verwickelt, und dunkler als die Nacht erſcheinen, ſo ſoll ſie in kurzem ſo klar und deut⸗ lich werden, als die Vorleſungen meines weiland wür⸗ digen Lehrers Lollius Adama, des älteſten Profeſſors eloquentiae an der Univerſität Franeker, es wenig⸗ ſtens in ſeinen Augen waren;— obgleich im Vertrauen gefagt, der größte Theil ſeiner Zuhörer auch kein Wort davon verſtand. Doch ein Sprichwort aus dem Orient ſagt, daß man erſt Salz mit einander gegeſſen haben muß, ehe man bekannt wird, und in derſelben Meinung pflegen wir hier zu ſagen, daß man zuvor eine Kanne Wein mit einander getrunken haben muß, ehe man be⸗ ſtehende Streitigkeiten ordnen kann. Wenn das alſo geſchehen iſt, mein Freund! bin ich ganz zu Euren Dien⸗ ſten; und ich nehme nicht gern Etwas vor, ohne es mit der möchlichſten Eile zu beenden.“
Moritz war mit dieſer Verſicherung vollkomien zufrieden, und höchſt erfreut, daß er in dem Herrn von Heerema einen Mann fand, der ſo ganz verſchieden von dem Herrn von Kamminga war. Er durfte daher hoſfen, bald den Zweck ſeiner Reiſe zu erreichen. Er wurde viel über Familienangelegenheiten, welche er


