10
muth und der elenden Hütte, nie eine Geſtalt geſehen hatte, welche ihm mehr Ehrfurcht eingeflößt hätte, als die dieſer geheimnißvollen Frau, welche in ihrem Auf— treten eine Fürſtin, ja mehr, ein höheres Weſen zu ſeyn ſchien. Ihre Todtenbläſſe würde ſie für den Geiſt einer Verſtorbenen haben gelten laſſen, welcher nach Jahr⸗ hunderten aus dem Grabe hervorgegangen war, um eine ſpätere Nachkommenſchaft zu beobachten, wenn nicht ihr ſo ausdrucksvoller Blick Leben verliehen hätte. In dieſe und ähnliche Gedanken vertieft hatte Moritz bald das Dorf Hollum und von einem Führer begleitet in einer halben Stunde das Amelander Schloß erreicht, de hooge Mie genannt, öſtlich vom Dorfe Ballum, und nicht weit von der See entfernt, welche die Inſel von der feſten Küſte Frieslands trennt. Das Schloß war ein prächtiges Gebäude aus zwei Flügeln beſtehend, wo⸗ von der größte Theil, nach dem Aeußern zu urtheilen, erſt vor wenigen Jahren aufgebaut worden war. Das alte Schloß war nämlich während der erſten Jahre des ſpaniſchen Freiheitskrieges von dem Edelmann Bart⸗ hold Entes von Mentheda aus der Provinz Grö⸗ nigen, welcher einen Streifzug nach der Inſel unter⸗ nommen hatte, zerſtört worden, weil er den damaligen Beſitzer für einen Anhänger der Spanier hielt. Das Gebäude war auf hohen gewölbten Kellern aufgebaut, unter welchen ſich das berüchtigte Hundeloch, ein fürchterliches Gefängniß, befand. Auf dem öſtlichen Flügel erhob ſich ein hoher Thurm mit einer Kuppel, welcher den Seefahrern zur Richtſchnur diente. Ein zweiter Thurm verband den weſtlichen Flügel mit dem Haupt⸗ gebäude. Das Schlofi hatte zwei Eingänge; über dem einen befand ſich das Wappen des jetzigen Eigenthümers und Wiederaufbauers, Herrn Sicco von Kamminga, in Stein ausgehauen, und enthielt in einem goldenen Schilde einen Hirſch, mit zwei Kämmen darüber und einem darunter. Ueber dem Schilde ein Löwe mit offe⸗
nem Rachen. Um das Schloß war ein hoher Wall, an


