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bei dieſer Erinnetung ihre Wangen befeuchteten, aus den
Augen. Auch Lutin hatte ihr andächtig zugehört, und als ſie geendigt hatte, warf er ſich vor ihr nieder, drückte ihre Hand an ſeine Lippen, und benetzte ſie mit einer Fluth von Thränen. Darauf ſprach er mit tiefer Rührung:
„O Du reines und ſchuldloſes Weſen! Engel des Himmels, nimm den Sünder unter Deine Obhut. Sey ihm ein freundlicher Schutzgeiſt auf dem dunfeln Pfad des Lebens! Deine ſegensreiche Nähe möge die Erin⸗ nerung an die Vergangenheit in ſeinem Geiſte auslöſchen und in die ſchönere Zukunft, die ſich ihm öffnet, geleiten, und ſeinen wankenden Fuß vor einem jeden Straucheln ſchützen. Ja, Eliſe!“— fuhr er nach einem kurzen Stillſchweigen fort, während welchem die Blicke des Mädchens mit Wohlgefallen auf ihn geheftet waren— „ja, Deine Worte haben mich tief bewegt, denn ich ſehe deren Wahrheit ein und faſſe ſie. Auch für mich war einſt eine Zeit, wo ich eben ſo unſchuldig und fromm als Du meine Augen und mein Herz zum Himmel erhob, und voll Glauben und Vertrauen mein feuriges Gebet an Gott richtete. Auch ich hatte eine Mutter, welche mir erſt ſeit wenigen Monaten, wie Du weißt, genom⸗ men iſt, und die mir, ſobald meine Lippen die erſten Töne ſtammeln konnten, ein kindliches Gebet und meine RKniee vor dem beugen lehrte, auf den ſie ihr einziges Vertrauen, ihre alleinige Hoffnung ſetzte, als die herben Schläge des Schickſals über ſie kamen. Auch für mich war eine Zeit, wo keine Ruhe auf meine Augenlieder herabgekommen wäre, ohne mein Abendgebet geſprochen zu haben.“ Hier überwältigten ihn ſeine Gefühle ſo ſehr, daß er außer Stand war, auch nur noch ein ein⸗ ziges Wort hervorzubringen. Er legte ſein Haupt in des Mädchens Schooß, und weinte und ſchluchzte laut.
Der Schutzgeiſt. I. 15


