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denken Gehör ſchenken, oder nur den Schein annehmen. Und auch dieß wäre verkehrt von Dir gehandelt; denn Leichtfinn in der Religion iſt eine große Sünde. Nein, wenn Du wirklich ſo unglücklich wäreſt, nicht rein in der Lehre, und mit irrigen Begriffen befleckt zu ſeyn, die, wie mein Vater ſagt, jetzt nur allzuſehr in unſrer Kirche die Oberhand gewinnen, dann wende Dich lieber im Gebete an den, der Dein Herz erleuchten, und Dich auf den rechten Weg zurückführen kann. Du kannſt doch beten?“— ſetzte ſie mit einem beſondern Ausdruck auf ihrem Geſichte hinzu, welchen der Gedanke, daß ihr Geliebter vielleicht zu einer Sekte gehöre, welche in den Augen ihres Vaters als Gottesläugner galten, und wo⸗ ran Eliſe, obgleich ſie nicht leicht ein liebloſes Urtheil über ihre Nebenmenſchen fällte, nur mit Abſcheu denken konnte.
Lutin war durch dieſe Frage ſichtlich betroffen, und das leichtſinnige Lächeln von vorher war ganz ver⸗ ſchwunden. Er faßte des Mädchens Hand, drückte ſie abermals zärtlich in die ſeinige und ſprach mit ſanfter Stimme:
„Theures, unſchuldiges Mädchen! warum kann ich Dir nicht ein ebenſo reines und ſchuldloſes Herz dar⸗ bieten, als das, was in Deiner Bruſt ſchlägt. Ja, Eliſe! ich konnte beten, und mein Gebet war einſt eben ſo feurig, eben ſo rein als das Deinige. Doch— ich habe es Dir ſchon oft geſagt— es ſind viele trübe, dunkle Tage und Wochen für mich dahingegangen, wo mein Herz gleichſam erſtarrt, meine Lippen gewaltſam verſchloſſen waren. Und damals konnte ich nicht beten.“
„Aber dieſe bange Zeit iſt ja vorüber, mein Freund! Ach! wie fürchterlich muß Dich die Laſt der Leiden ge⸗ drückt haben, da Du ſie allein tragen mußteſt, und Dir der Troſt des Gebetes verſagt war. O! Du kannſt Dir nicht denken, welche Erleichterung es uns in un⸗
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