Teil eines Werkes 
1.-3. Theil (1844)
Entstehung
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War es eine bloße Grille unſerer Eltern, welche dieß Gemach ſtets in dem traurigen verfallenen Zuſtand ließen; oder ſtand dieß ſonderbare Verfahren mit irgend einem Familienverhältniſſe in Beziehung. Ich bin nicht im Stande, dieſe Frage zu löſen. Doch ſo viel erinnere ich mich, und Du wirſt es auch wohl nicht ganz vergeſſen haben, daß unſer guter Vater oft ſtundenlang in dieſem Gemache verweilte, und die hohen breiten Thüren eines hier angebrachten Bucherſchrankes öffnete, ſich mit dem Durchblättern mehrer Familienpapiere, welche daſelbſt aufbewahrt waren, beſchäftigte. Wie oſt plagte uns eine unüberwindliche Neugierde, die in den Papieren enthal⸗ tenen Geheimniſſe zu erfahren; und wie zauberte unſere kindliche Einbildungskraft uns manchmal allerlei roman⸗ tiſche Bilder herbei, welche, wie wir glaubten, in dieſen alten Papieren müßten enthalten ſeyn! Jedoch es war uns nicht vergönnt, dieſem feurigen Verlangen zu ge⸗ nügen, welches uns zuweilen, gegen das elterliche Verbot, in die zerlumpte Kammer trieb, wo wir die grünen Thüren des Bücherſchrankes anſtarrten, gleichſam als hofften wir, ſie würden ſich von ſelbſt öffnen, und den ganzen Schatz von Geheimniſſen, welchen ſie verbargen, uns offenbaren.

Bei dem ſehr eiligen Umzuge unſrer Familie aus dieſer Gegend, war alles ſo ziemlich in demſelben Zu⸗ ſtand geblieben, und Niemand von uns hatte ſeit jenem Zeitraum dieſen Ort wieder beſucht. Wir jüngeren Mit⸗ glieder waren durch verſchiedene Umſtände gehindert, und unſer braver Vater konnte ſich niemals entſchließen, einen Ort wieder zu beſuchen, wo ſo viele Erinnerungen ver⸗ ſtobenen Glückes ihn beſtürmt, und wo ſeine Standhaf⸗ tigkeit, unter vielen Schlägen des Schickſals auf die Probe geſtellt, vielleicht zum Wanken gebracht haben würden. Es kann Dich daher nicht verwundern, Hen⸗ riette, daß auch das Verlangen zu unterſuchen, ob die geheimen Papiere der zerlumpten Kammer noch vorhanden wären, einigen Antheil an meinem Entſchluſſe