Teil eines Werkes 
1.-3. Theil (1844)
Entstehung
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treu diente, daß ſie weniger als Dienſtbote, ſondern als ein Familienmitglied betrachtet wurde, und die ihrer Ge⸗ bieterin ſo treu anhing, daß ſie deren Tod nur wenige Wochen überlebte begab ich mich, meinem Verſprechen gemäß, in die Pfarrwohnung.

Ich ſagte Dir ſo eben, daß ich mich ſchon am Mor⸗ gen einige Augenblicke mit dem jungen Prediger dieſer Gemeinde unterhalten hatte. Nun will ich Dir erzäh⸗ len, was dazu Veranlaſſung gab. Ich hatte, wie Du weißt, ſchon eine geraume Zeit in den verſchiedenen Ge⸗ mächern unſerer elterlichen Wohnung zugebracht, wobei der Gärtner zugegen war, welcher mich in einem jeden an eine häusliche Scene aus den früheren Tagen unſe⸗ rer Kindheit zu erinnern wußte. Mit einem bangen und geheimnißvollen Gefühle, dem ich keinen Namen zu geben weiß, betrat ich, nachdem ich alle übrigen Zimmer be⸗ ſucht hatte, das, welches ſchon in unſerer Jugend den Namen zerlumpte Kammer führte. Du erinnerſt Dich, Henriette, dieſes großen, doch ſpärlich beleuch⸗ teten Gemaches, wohin wir uns ſo oft als Kinder, doch niemals ohne ein geheimes Schaudern zu empfinden, begaben. Es war damals ſchon ſeit mehreren Jahren nicht bewohnt geweſen und durchaus ohne Hausgeräth. Die ſchönen goldledernen Tapeten, jämmerlich zerriſſen, wodurch das Zimmer ſeinen Namen erhielt be⸗ deckten ſchon damals weniger die Wände, als den ſchwarz gefärbten Boden, welcher außerdem reichlich mit Staub und Spinngeweben bedeckt war. Die beiden Fachfenſter in dieſem Zimmer, durch die hohen Kaſtanienbäume, welche hinter dem Hauſe ſtanden, beſchattet, ließen ſo wenig Licht hinein, daß ſelbſt in der Mitte des Tags eine düſtere Dämmerung in dem Zimmer herrſchte. Auch glaube ich nicht, daß die kleinen Fenſterſcheiben, durch das Alter und den Einfluß des Wetters ziemlich matt geworden, jemals den wohlthätigen Einfluß der Sprütze mit der Fenſterbürſte, welche an den übrigen Theilen des Gebäudes keineswegs geſpart wurden, empfunden haben.