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licher Unbeſonnenheit die Tage des würdigen Lehrers Ambroſius noch mehr verbittert hatte. Aber der Greis trug keineswegs nach, und ſchien das Vergangene gänzlich vergeſſen zu haben, als er mich mit einem herzlichen Händedruck willkommen hieß, und ſeine Rührung ſprach für die Theilnahme, welche ich ihm durch meinen Beſuch an den Tag legte. Er öffnete auf meine Bitte die Kir⸗ chenthür, und ließ mich jetzt allein, um in dieſem einfa⸗ chen Bethauſe der Vergangenheit eine ſtille Thräne zu weihen, und meine Gebete zu dem aufzuſchicken, deſſen Wege auch oft hinſichtlich unſer ſehr dunkel waren, aber doch ſtets unſer wahres Wohl erzielten, und der uns in ſeinen Schutz nahm, als der unerbittliche Tod uns unſrer beiden Eltern beraubt hatte. Feuriger und mit einem feſten Vertrauen, daß mein Gebet bei dem Vater im Himmel Erhörung finden würde, habe ich wohl niemals gebetet. Als ich nun meine Augen auf die alterthümliche Kanzel richtete, da war es mir, als müſſe ich den alten braven Prediger wieder auftreten ſehen, welcher uns alle zur heiligen Taufe geweiht, und in den erſten Grundlehren des Chriſtenthums unterrichtet hatte; der bis zum höchſten Alter ſein ehrwürdiges Amt raſtlos verwaltete, und wäh⸗ rend der Ausübungen ſeiner Amtspflichten vom Tode überraſcht wurde. Länger als fünfzig Jahre hatte er in dieſer Kirche das Evangelium verkündigt; jetzt ruhet er der Kanzel nahe, von wo aus er oft ein Wort des Tro⸗ ſtes und der Beſſerung zu ſeiner Gemeinde ſprach. Schon hatten drei Prediger nacheinander, doch nur auf kurze Zeit, ſeinen Platz hier vertreten. Der vierte, ein junger Mann, welcher allgemein ſehr geprieſen wurde, ſtand erſt ſeit einem Jahre an dieſer Gemeinde. Ich hatte, wie Du bald erfahren wirſt, ſchon am Morgen oberflächlich ſeine Bekanntſchaft gemacht, und ihm verſprochen, ſein Mit⸗ tagsmahl mit ihm zu theilen. Als ich nun bei un⸗ ſerm Gange über den Kirchhof noch einen Angenblick auf dem Grabe jener achtungswerthen Frau verweilt hatte, welche während fünfundzwanzig Jahren unſeren Eltern ſo


