18
Tag legten, welche eine mehr als gewöhnliche Zuneigung verrieth. Alle erinnerten ſich noch mit einer ungekün⸗ ſtelten Freude des gefühlvollen Mädchens, das kein grö⸗ ßeres Glück kannte, als andere glücklich zu machen, und deren Herz und Hand ſtets für ihre leidenden Mitmenſchen geöffnet war. Man erinnerte ſich noch ſo manchen Vor⸗ falles, wobei Deine milde Hand die Thränen der Unglück⸗ lichen getrocknet, und Du einen wohlthätigen Balſam in die ſchweren Wunden gegoſſen hatteſt. Auch, indem man Deine Mildthätigkeit pries, konnte man nicht genug die liebevolle und herzliche Weiſe, wie Du ſie ausübteſt, prei⸗ ſen. Man wies mir den kleinen Sandpfad hinter der Kirche, wo man Dich ſo oft mit einem Körbchen bepackt, getroffen hatte, worin Du eine Flaſche Wein, oder an⸗ dere Herzſtärkungen für einen kranken Greis, oder für eine wiederhergeſtellte Wöchnerin verborgen hatteſt. Mit einem Worte, man war unerſchöpflich, Dich zu loben, und wußte Deine Tugenden nicht beſſer zu rühmen, als ſie in dieſen wenigen Worten zuſammen zu faſſen, welche mir ſo angenehm in den Ohren klangen und auch bei Dir für das beſte Lob gelten werden:„Sie war Ihrer guten, braven Mutter am ähnlichſten.“
Nachdem ich nicht ohne Mühe dieſe einfache Men⸗ ſchen von mir entfernt hatte, beſuchte ich den alten Schul⸗ lehrer des Dorfes. Ich fand ihn wie früher, in einem hohen, breiten Leſepulte ſitzend, den ſchwanken Weiden⸗ ſtock, deſſen Beiſtandes er nicht ſelten zur Handhabung der Ordnung unter ſeinen jugendlichen Zöglingen bedurfte, ihm zur Seite. Das Schulgebäude hatte in dieſer ganzen Zeit nicht die geringſte Veränderung erlitten, und war noch eben ſo dumpfig wie zuvor, und die liebe Dorfjugend eben ſo geräuſchvoll und unartig als vor ſechszehn Jahren. Ich fühlte daher ein wahrhaftes und inniges Mitleiden mit dieſem guten, alten Manne, der für einen kärglichen Lohn zu einem ſo ſklaviſchen Leben verdammt war; und ich konnte nicht umhin mit lebhafter Reue an alle die unartigen Streiche zurückzudenken, wodurch ich in jugend⸗


