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Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 205
VII. Wie Herne dem König im Schloßpark erſchien.
In derſelben Nacht ritt zu ſpäter Stunde ein Reiters⸗ mann auf einem kräftigen Roß von der öſtlichen Seite in den Schloßpark und verweilte unter den Bäumen. Er war noch nicht lange dort, als die Schloßuhr die Mitternachts⸗ ſtunde ſchlug und ehe die dumpfen Schläge dahinſtarben, ſah man einen zweiten Reiter quer über die mondbeleuchtete Fläche auf ihn zu galloppiren.
„Sind meine Befehle alle ausgeführt, Suffolk?“ fragte
er, als der Ankommende ſich ihm näherte.
„Ja, Sire,“ erwiederte der Herzog.„Die Königin iſt in ihrem Zimmer unter Haft und wird mit Tagesanbruch nach dem Tower gebracht werden.“
„Ihr ſolltet lieber binnen einer Stunde abgehen,“ ſagte der König.„Es iſt ein langer Weg zu Waſſer und ich möchte gern alle Möglichkeit eines Befreiungsverſuchs abſchneiden.“
„Euren Befehlen ſoll gehorcht werden,“ antwortete der Herzog.„Armes Geſchöpf! Ihr Kummer war herzzerreißend und ich hatte Mühe, meine Faſſung zu bewahren. Sie flehte aufs leidenſchaftlichſte um die Erlaubniß zu einer Unterredung mit Eurer Hoheit vor ihrer Abreiſe. Ich ſagte ihr, es wäre unmöglich; und ſelbſt wenn Ihr im Schloß anweſend geweſen wäret, Ihr ihre Bitte nicht er⸗ hört haben.“
„Ihr habt Recht daran gethan,“ verſetzte Heinrich;„ich will ſie nie wieder ſehen,— nicht daß ich von ihren Bitten gerührt zu werden fürchte, ſondern weil ich weiß, wie hinter⸗ liſtig und treulos ſie iſt, und ſie nicht ohne Widerwillen
anſehen kann. Was ſpricht man unter den Susleuten v dar⸗
über? Redet offen!“


