Teil eines Werkes 
2. Theil (4. - 6. Buch) (1844)
Entstehung
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Sechstes Buch: Johanna Seymour. 203

Muß ich denn zu Waſſer reiſen? fragte Anna.

So lautet des Königs Befehl, erwiederte Suffolk.

Gleichviel, verſetzte ſie.Ich werde bereit ſein, ſobald Ihr wollt, denn ich werde mich dieſe Nacht nicht zur Ruhe begeben.

Hierauf zog ſich Suffolk mit den Andern zurück und Anna begab ſich wieder in ihr Betzimmer.

Hier brütete ſie einſam in einem Zuſtande unbeſchreib⸗ licher Seelenangſt über das ihr wahrſcheinlich bevorſtehende Schickſal, als ſie auf einmal die Augen aufſchlug und eine hohe dunkle Geſtalt neben dem Vorhange bemerkte.

Sogar in dem Dämmerlichte erkannte ſie den Jäger Herne und unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei.

Seid ſtill, rief Herne mit ausdrucksvollen Geberden. Ich komme Euch zu befreien.

Anna konnte einen freudigen Ruf nicht unterdrücken.

Nicht ſo laut, verſetzte Herne,vder Ihr werdet Eure Dienerſchaft herbeilocken. Ich will Euch unter gewiſſen Bedingungen in Freiheit ſetzen.

Ah, Bedingungen! rief Anna zurückbebendwenn ſie von der Art ſind, daß ſie mein Seelenheil gefährden, ſo kann ich ſie nicht annehmen.

Ihr werdet es bereuen, wenn es zu ſpät iſt, erwie⸗ derte Herne.Einmal im Tower, kann ich Euch nicht weiter helfen. Meine Macht erſtreckt ſich nur auf Wald und Schloß.

Wollt Ihr mich nach Hampton⸗Court zum König bringen? ſagte Anna.

Nein, entgegnete Herne.Es würde nutzlos ſein. Ich will nur thun, was ich geſagt habe. Wenn Ihr mit mir flieht, ſo könnt Ihr niemals wieder als Anna Voleyn erſcheinen. Sir Heinrich Norris ſoll zu gleicher Zeit in Frei⸗ heit geſetzt werden und Ihr ſollt Beide mit mir im Walde wohnen. Kommt!