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Sechstes Buch: Johanna Seymour. 199
Aber daſſelbe Maß, das mir zugemeſſen iſt, ſoll Andern ertheilt werden. Ich klage Johanna. Seymour vor dem Höchſten an. Sie ſoll ſich nicht lange der Krone erfreuen, die ſie mir zu entreißen im Begriff iſt.“
„Dieſer Fluch hätte lieber unausgeſprochen bleiben ſollen,
gnädige Frau,“ ſagte der Herzog. „Nehmt guten Rath an, gnädigſte Frau!“ rief Norris; „und laßt Euren Kummer und Eure Verzweiflung Euch keine Blöße gegen Eure Feinde geben. Alles mag ſich noch zum Guten wenden.“
„Ich klage ſie an!“ beharrte Anna, alle Warnung gänzlich mißachtend;„und ich klage auch den König an. Keine Verbindung ſoll ihm Glück bringen und noch mehr Blut, als das meinige, ſoll fließen.“
Auf einen Wink des Herzogs ward ſie, vor Aufregung halb erſtickt, in ein inneres Gemach getragen, während Norris von Bouchier und einer Abtheilung Hellebardiere nach dem unteren Thorweg geführt und in dem Gefangenzimmer unter⸗ gebracht wurde.
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VI.
Was zwiſchen Anna Boleyn und dem Herzog von Suffolk vorging,— und wie der Jäger Herne ihr im Betzimmer erſchien.
Einige Stunden lang fürchtete Anna Boleyn's Umge⸗ bung für ihren Verſtand und, wie es ſchien, aus guten Gründen,— ſo abgeriſſene und unzuſammenhängende Reden führte ſie und ſo heftig geberdete ſie ſich— ſie, die ſonſt immer ſo ſanft war— bald weinend, als ob ihre Seele in Thränen zerfließen wollte,— bald in ein unheimliches krampf⸗ haftes Gelächter ausbrechend. Es war ein kläglicher Anblick, der alle Anweſenden innig rührte. Allein gegen Abend ward ſie ruhiger und wünſchte allein gelaſſen zu werden.


