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Darüber war der Abend herabgeſunken, ein feuch⸗ ter Octoberabend mit niedergehenden grauen Nebeln. Die Laternen wurden angezündet, im hellſten Glanz ſtrahlten die weiten Schaufenſter prächtiger Läden. Stärker als zu anderen Tageszeiten wälzten ſich zu dieſer Stunde die Menſchenwellen die Straße hinauf und hinab. Langſam wandelte Karl ſeinem Ziele zu; im adeligen Kaſino durfte er hoffen, ſo kurz vor dem Beginn der Theatervorſtellungen den jungen Dragoner⸗ offizier am ſicherſten zu finden. An einem Juwelier⸗ laden mußte er vorüber; wie immer drängte ſich auch heute eine Anzahl Schauluſtiger vor den Fenſtern, um die ausgeſtellten Koſtbarkeiten halb mit neugierigen, halb mit neidiſchen oder begehrlichen Blicken zu mu⸗ ſtern. Auch Karl blieb eine Weile ſtehen, weniger um die Schmuckſachen zu betrachten, als um mit ſich ſelbſt über den Schritt ins Reine zu kommen, den er bei Hermann unternehmen wollte. Unter den Armſpangen und Perlenketten, den Ohrgehängen, Ringen und Na⸗ deln waren auch ältere Kunſtwerke der Goldſchmiede⸗ kunſt, einige ſilberne Schüſſeln mit Relieffiguren, ein ſilberner Becher mit eigenthümlich fein und ſauber her⸗ ausgearbeiteten Geſtalten— die Hochzeit zu Kana dar⸗ ſtellend— wie es Karl ſchien, ein kleines Meiſterſtück
der italieniſchen Renaiſſance aus dem Ausgang des Frenzel, Lebensräthſel I. 2


